
Wo Hollywood für Weihnachten einkauft: Unterwegs am Rodeo Drive in Beverly Hills, der teuersten amerikanischen Einkaufsstraße. Viele zahlen hier freiwillig drauf, nur um präsent zu sein.
Es war nicht immer klar, ob sie einen sehr knappen Rock trug, wenn sie in ihren hohen Schuhen aus der feinen Boutique gestakst kam, oder ob es sich um einen ungewöhnlich breiten Gürtel handelte. Die braungebrannte junge Frau jedenfalls, nach der man die Uhr stellen konnte, trat mehrmals täglich alle Stunde aus der in gelb gehaltenen Zwei-Etagen-Boutique, um ihrem Chef Zeit zu kaufen. Es hat nichts genützt. Society-Couturier Bijan Pakzad starb vor gut drei Jahren plötzlich an einem Schlaganfall. In den Nachrufen stritt man sich, ob er 67 oder 71 Jahre alt geworden war.
Wenn die Höchstparkdauer von einer Stunde auf dem Asphaltstreifen vor Mr. Pakzads Edel-Showroom am Rodeo Drive abgelaufen war, kam die Frau mit der seltsamen Mischung aus Rock und Gürtel und den ewig langen Beinen, um Münzen in die Parkuhr vor der Tür zu werfen. Sie tat es täglich, damit der gelbe Rolls-Royce ihres Chefs stets direkt vorm Laden parken konnte. Der Wagen war ein ähnlicher Blickfang wie das Kleid der jungen Frau. Und er war ein Imagefaktor hier am Rodeo Drive in Beverly Hills, ein bewegliches Ausrufezeichen aus Chrom und Lack an der teuersten Einkaufsstraße der Vereinigten Staaten.
Viele Fans seiner extravaganten und zugleich klassisch eleganten Mode sowie Kunden aus dem Kreis der obersten Zweieinhalbtausend rund um den Globus betrauerten ihn. Inzwischen haben Familienmitglieder und langjährige Partner die Geschäfte in die Hand genommen und versuchen, den Betrieb möglichst schillernd auch ohne den machtbewussten Charismatiker von einst fortzuführen.
Jeder muss hier etwa 20 Millionen Dollar Umsatz machen
Und denselben Stil im Design der Kollektion weiter zu pflegen. Das perfekt inszenierte Gegenteil von Understatement, für das Bijan Pakzad stand, tat dem Rodeo Drive als Einkaufsstraße der Reichen und/oder Schönen gut, erst recht in Zeiten, in denen die meisten Hollywood-Stars nur noch möglichst unerkannt in gesichtslosen SUV mit getönten Scheiben vorfahren, um wahlweise für Weihnachten, für die nächste Red-Carpet-Gelegenheit oder gar für die Oscar- Nacht einzukaufen. Das hat den Ruhm der Ladenzeilen hier erst begründet.
Vor einem Jahrhundert liefen hier nur Esel herum, heute sieht man mehr Ferrari Bilderstrecke
Die Anrainer am Rodeo Drive erinnern sich mit Dankbarkeit und Ehrfurcht an Bijan Pakzad, dessen Modemarke schlicht „Bijan“ heißt, unter den Labels mit globaler Verbreitung nicht zu den bekanntesten gehört und es mit all den Inszenierungskünsten und den vielen Marketingideen doch zum schönsten Accessoire der Superreichen und der Prominenten brachte. Denn dieser Mann hat aus der ganz normalen Einkaufsstraße erst eine Super-Shopping-Meile gemacht. Bijan brachte sie alle in die Schlagzeilen und ließ all jene vermögend werden, die hier eines der meist ein- oder zweigeschossigen und ursprünglich nur hölzernen Häuschen besaßen. Oder die darin auf angemieteten Flächen ihren Laden führten.
Wegen seiner Extravaganz können sie bis heute für alles höhere Preise nehmen, was immer sie verkaufen. Die Vermieter der Häuser an der Straße können inzwischen, umgerechnet auf den Quadratmeter, die höchsten Gewerbemieten der Vereinigten Staaten verlangen und bekommen. „Damit sich der Betrieb hier rechnet“, so rechnet Tom Blumenthal vom Anrainer-Verband, „muss jeder etwa 20 Millionen Dollar Umsatz mit dem Laden machen. Nicht alle schaffen das. Manche sind trotzdem hier. Allein wegen des Image-Faktors. Nur, um anderswo in der Welt die Adresse Rodeo Drive, Beverly Hills, auf ihre Einkaufstaschen drucken zu können.“ Von Cartier über Bulgari bis Rolex, von Salvatore Ferragamo über Hermès bis Dior: Alle sind da. Alle anderen stehen Schlange und warten auf eine freie Immobilie. Bijan liebten sie fast so sehr wie Julia Roberts, die viel später kam und die Straße durch einen Film noch bekannter machte.
