
Chris Messina baute Google Plus mit auf, nun reißt er das soziale Netzwerk wieder ein. Jedenfalls in seinen sehr kritischen Worten über Google Plus.
Es wurden schon viele Erklärungsversuche niedergeschrieben, warum das soziale Netzwerk „Google Plus“ vermutlich gescheitert ist. Nun hat es jemand getan, der es wirklich wissen könnte. Chris Messina hat auf Medium.com seine „Gedanken zu Google Plus“ verfasst. Er war maßgeblich an der Entwicklung dieses sozialen Netzwerks beteiligt. Gleich zu Anfang des Textes stellt er klar, wer es vermasselt hat und wer mit den Folgen zu kämpfen hat: „I fucked up. So has Google.“ Diese Auskunft gibt Messina 450 Tage, nachdem er Google verlassen hat – oder gehen musste.
Zunächst vermutet Messina, dass die verbliebenen Mitarbeiter ihre Motivation verloren hätten. Nutzeranfragen werden nur selten oder mit Plattitüden beantwortet. Er wisse allerdings nicht, ob diese Haltung darin begründet ist, dass sie Angst vor Facebook, Snapchat oder Pinterest hätten. Jedenfalls deuteten die Neuerungen, die aktuell noch in Google Plus eingeführt würden, daraufhin, dass es wenig „Pläne und Visionen“ gäbe.
„I give a shit“
In Messinas Sprache (“I fucked up“, „I give a shit“ oder „And damnit all“) zeigt sich, dass der Autor trotz Trennung vor mehr als einem Jahr wenig Abstand zu seinem ehemaligen Arbeitgeber bekommen hat. Dreieinhalb Jahre hatte er an Google Plus gearbeitet. Messina verfällt dann auch in die typische Anti-Google-Haltung und bekennt, dass er an den Wettbewerb in diesem Markt glaube und die Dominanz eines Unternehmens nicht gut für Nutzer, Start-Ups und die Industrie wäre. Dennoch wäre Google neben Apple momentan das einzige Unternehmen, das es mit Facebook aufnehmen könne. Doch die Chance, ein soziales Netzwerk neu zu erfinden, habe man verpasst.
Es verstehe die strategische Ausrichtung von Google Plus nicht mehr, so Messina. Google würde nicht wie andere Hersteller die privaten Daten seiner Nutzer sammeln und so die Anwendungen auf die Bedürfnisse seiner Kunden zuschneiden. Voraussetzung für diesen zukünftigen Einsatz solcher Anwendungen sei eine „data-positive“ Perspektive. Die Nutzer müssen also bereit dazu sein, ihre Daten einem Unternehmen anzuvertrauen, um umgekehrt wiederum mehr personalisierte Anwendungen geliefert zu bekommen. Messina sieht somit Big Data eher als Segen, denn seine eigenen Dateien auf einer Festplatte zu speichern, sei auf lange Sicht unsinnig.
Was Facebook und Apple besser machen
Und was hat das alles mit Google Plus zu tun? Facebook, Apple und Google würden sich in einem Wettstreit befinden, wer über die Nutzer mehr wisse als sie selbst, schreibt Messina. Facebook und Apple würden das Datensammeln mit einer gewissen Fairness betreiben, weil sie in ihren AGB erklärten, was sie tun. Und Google tue sich unter anderem bei seinem sozialen Netzwerk schwer damit, etwas ähnliches zu tun, weil es verwirrend und nicht transparent sei.
Diese Ansicht Messinas überrascht doch sehr. Die undurchsichtigen Privatsphäre-Einstellungen der amerikanischen Internetgiganten und auch der sonstige Umgang mit Daten stehen gerade in Deutschland immer wieder in der Kritik. Es ist ein Grund, warum manche Nutzer aus sozialen Netzwerken aussteigen. Sie fürchten um die Sicherheit ihre Daten. Ihnen ist das zu viel, was Facebook weiß: „Facebook weiß auch, welche Bands man mag, welche Kleidung man online kauft oder welche Nachrichtenthemen einen besonders interessieren.“
Messina führt auf der anderen Seite auch positive Beispiele wie die selbstfahrenden Autos oder die Heißluftballone für Internetzugänge auf, um zu zeigen, dass Google durchaus innovativ sein kann. Ursprünglich sei Google Plus, als es noch „Google Me“ hieß, eine Erweiterung der Suchfunktion von Google auf den privaten Bereich gewesen. Die Suche sei mehr „personalisiert und menschlicher“ gewesen. Als „Google Plus“ wäre es dann zu sehr ein Me-Too-Produkt von Facebook geworden. Die Lösung, „Kreise“ einzuführen, sei in der Theorie großartig gewesen, habe sich aber in der Praxis als umständlich und sperrig erwiesen.
Google Plus hätte sich von Facebook unterscheiden können, wenn man versucht hätte, den User in den Mittelpunkt zu stellen. Und genauer erläutert hätte, was den Unterschied von Google Plus ausmacht. Seiner Ansicht nach müsste Google Plus als Verwalter der persönlichen Daten auftreten und den Nutzer durch den digitalen Alltag führen. Zumindest in Deutschland hätte eine solche Strategie wohl keine Erfolgsaussichten gehabt.
Googles Vision von der totalen Vernetzung
