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Front National: Der Charme der Familie Le Pen

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In dieser Partei sind Familienzwist und Richtungsstreit zwei Seiten derselben Medaille. Dennoch will Marine Le Pen will auf dem Parteitag des Front National am Wochenende vor allem die Regierungsfähigkeit ihrer Partei vorführen.

Das väterliche Anwesen Montretout auf der Anhöhe von Saint-Cloud bei Paris hat Marine Le Pen vor ein paar Wochen verlassen. Das war das stille Ende des Familienkrachs, den die Tochter heraufbeschwor, als sie die Videobotschaften des Alten von der Internetseite der Partei entfernen ließ. Mit dem Umzug hat der Versuch der 46 Jahre alten Front-National-Vorsitzenden schon geendet, sich vom übermächtigen Vater zu emanzipieren. Im FN-Herrscherclan ordnet sie sich von neuem dem Patriarchen unter. So ist es selbstverständlich Ehrenpräsident Jean-Marie Le Pen, der den Parteitag in Lyon an diesem Wochenende eröffnen wird.

Fast vier Jahre sind vergangen, seitdem der Gründer des Front National auf einem Parteitag in Tours die Führung der Tochter übergab. Aber der 86 Jahre alte Dynastiechef wacht weiter über die Geschicke der Partei und schützt seine Leute. Kürzlich musste er einen Streit zwischen Marine Le Pen und ihrer Schwester Yann schlichten, die in der Partei für Großereignisse zuständig ist. Yann argwöhnte, Marine wolle ihre Tochter, die junge Abgeordnete Marion Maréchal-Le Pen, beim Parteitag ausbooten und Stellvertreter Florian Philippot bevorzugen.

Der Großvater hält zur Enkelin, die anders als der Ena-Absolvent Philippot für die katholisch-fundamentalistische Strömung im FN steht. Richtungsstreit bedeutet in dieser Partei immer auch Familienzwist. „Auch wenn die Medien etwas anderes behaupten, der FN Marine Le Pens ist längst nicht so neu, wie es scheint, und ist sich selbst treu geblieben“, sagte jetzt Bruno Gollnisch, einer der Parteiveteranen, der lange als Stellvertreter Jean-Marie Le Pens wirkte.

Marine Le Pen sucht qualifizierten Nachwuchs…

In Tours ging es darum, das dynastische Prinzip des FN zu verteidigen, in Lyon jedoch verfolgt Marine Le Pen nur ein Ziel: Sie will die Regierungsfähigkeit ihrer Partei vorführen. „Wir haben in allen Ministerien, in allen Verwaltungen unsere Leute“, prahlte sie kürzlich in der liberalen Tageszeitung „L’Opinion“. Sie plädierte für eine regierungsfähige „Allianz der Patrioten“ und forderte den früheren Minister Jean-Pierre Chevènement sowie die nationalkonservativen Abgeordneten Nicolas Dupont-Aignan und Philippe de Villiers auf, sich ihr anzuschließen. „Wir streben eine große nationale Alternative zur europäisierten und globalisierten Politikkaste an“, sagte sie.

Doch ihr Aufruf stieß auf geringes Echo. Chevènement strafte die FN-Führungsfrau mit Nichtbeachtung und ließ einen Adlatus verkünden, dass ihn „rein gar nichts“ mit dem FN verbinde. Villiers hat zwar kürzlich ein Buch über die FN-Ikone Jeanne d’Arc veröffentlicht, aber erwiderte die Avancen ebenfalls nicht. Nicolas Dupont-Aignan, dessen Splitterpartei „Aufrechtes Frankreich“ unter der Ein-Prozent-Grenze dahindümpelt, zeigte sich hingegen interessiert.

Der Appell weist auf ein Strukturproblem der Partei hin, das die Vorsitzende trotz guter Wahlergebnisse (19,5 Prozent bei den Präsidenten-, 24,8 Prozent bei den Europawahlen) nicht gelöst bekommt. Es fehlen der Partei qualifizierte Kader, die in der Lage wären, Regierungsverantwortung zu tragen. Auf dem Parteitag sollen einige der im März gewählten elf FN-Bürgermeister zum Thema „lokale Verankerung“ sprechen. Am liebsten schmückt sich die Parteichefin mit dem 26 Jahre alten David Rachline, dem Sohn jüdischer Emigranten, Senator und Bürgermeister von Fréjus, der als früherer Chef der FN-Jugendorganisation etliche Rhetorikschulungen durchlaufen hat.

… findet ihn aber nicht

Doch viele der politischen Neulinge, die ihr Amt und Würden verdanken, sind auch der Chefin nicht geheuer. Der 34 Jahre alte Fabien Engelmann etwa, der in Hayange im Departement Moselle vom Habenichts und linksradikalen Anhänger der „Neuen Antikapitalistischen Partei“ (NPA) zum FN-Bürgermeister aufstieg, hält sich nicht an das Gebot der Salonfähigkeit. Engelmann richtet regelmäßig „Schweinefeste“ mit kostenlosem Schweinebraten für die nichtmuslimischen Bürger aus und ließ ein Denkmal für die Grubenarbeiter in den Trikolorefarben übermalen, weil es nur so erträglich sei. Außerdem hat Engelmann schon seine Stellvertreterin rausgeworfen, die ihn seither als Autokraten beschimpft, und ein Strafverfahren wegen Unregelmäßigkeiten bei der Wahlkampffinanzierung anhängig. Das sind Schlagzeilen, die Le Pen lieber vermeiden würde.

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Ähnlich holprig kommen Le Pens Bemühungen voran, sich ein Wirtschaftsprogramm zu geben. Unter dem Einfluss des abtrünnigen linken Ökonomen Philippe Murer hat sich die Parteichefin zu Versprechen entschlossen, die an das Programm zur Blütezeit der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) erinnern: Nationalisierung der wichtigsten Unternehmen, Mindestlohn bei 1500 Euro, Einstellungsoffensive im Staatsdienst, Rente mit 60 und Wirtschaftsprotektionismus. Bei den Arbeitern und Arbeitslosen punktet Le Pen damit. Aber mit ihrem Inselökonomismus verstärkt sie auch die Zweifel an ihrer Regierungsfähigkeit. Über das Wirtschaftsprogramm darf deshalb in Lyon nicht diskutiert werden.

French National Front party deputy Marion Marechal-Le Pen attends the questions to the government session at the National Assembly in Paris Gebären (und Haarewedeln) als patriotische Pflicht: Marion Maréchal-Le Pen vergangene Woche in der Pariser Nationalversammlung

Stattdessen soll auf Wunsch des Clanchefs die 24 Jahre alte Marion Maréchal-Le Pen gefeiert werden. Die zarte Blondine ist gerade Mutter geworden und tritt in Lyon bei der Wahl zum neuen „Zentralkomitee“ an. „Ich habe eine meiner patriotischen Pflichten erfüllt, die darin besteht, Kinder zu bekommen, um unsere Renten zu bezahlen“, sagte sie in „Le Monde“. „Marion heißt Le Pen, das ist ein Vorteil. Sie ist die jüngste französische Abgeordnete, ein neues Gesicht und ein Symbol. Sie hat deshalb gute Aussichten, das beste Ergebnis zu erhalten“, sagte Marine Le Pen. Ihr ehemaliges Domizil im väterlichen Anwesen stand denn auch nicht lange leer: Marion hat dort ihr neues Zuhause gefunden.