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Diovision: So werden aus flachen Bildern plastische

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Aus gutem Grund wird hier nicht von 3D oder gar 3D-Effekt die Rede sein. Oliver Heine trickst uns mit seiner Erfindung Diovision im Kopf aus.

Es gibt Dinge, die muss man einfach mit eigenen Augen gesehen haben. Die kann man zwar mit Worten beschreiben, aber tausend Worte geben nicht den Eindruck wieder, den es macht, wenn man sie sieht. Diovision – entdeckt auf der Photokina in Köln – ist so etwas. Da geht es buchstäblich um Kopfkino, denn was man sieht, findet im Kopf statt, nicht da draußen, wo das Bild ist.

Mehr denn je sind wir in einer Wirklichkeit mit räumlicher Tiefe von flachen Bildern umgeben. Weil wir in drei Dimensionen leben, haben wir zwei Ohren und zwei Augen. Um räumlich hören und Richtungen bestimmen zu können, wie es die Stereophonie nutzt. Wir sehen aber auch in Stereo. Die beiden Augen entwerfen zwei geringfügig verschiedene Bilder, und unser Gehirn verknüpft die beiden zu einem, in dem wir die Tiefe des Raumes erkennen können. Das muss so sein: Wir könnten sonst nicht präzise nach etwas greifen oder mit einem Handballwurf in die linke untere Ecke des Tors treffen.

Ein flaches Bild kann mit verschiedenen Mitteln Tiefe vortäuschen. Mit größeren und kleineren Bildelementen, mit perspektivischer Darstellung, mit Schärfe und Unschärfe. Aber gleichgültig, ob sich das Bild bewegt oder nicht, wir lassen uns nur kurz den nicht vorhandenen Raum vorgaukeln. Nur mit vergleichsweise hohem Aufwand werden stereoskopische Bilder und Filme möglich. Was der 59 Jahre alte Hannoveraner Oliver Heine in Jahren ausgetüftelt hat, kommt dagegen mit minimalen Mitteln aus.

Heine spricht auch von „Ein-Bild-Stereoskopie“

Heine war Postbeamter, machte sich dann aber selbständig und produzierte im Westerwald millionenfach keramische Wandreliefs mit und ohne Uhren drin. Beim Weiterentwickeln dieses handbemalten Wandschmucks aus synthetischem Gips mit einer indirekter Beleuchtung fiel Heine auf, dass sich ein Motiv besonders plastisch präsentierte, wenn man dem Bild in seinem Rahmen eine leichte Krümmung gab.

Genau das war der Ausgangspunkt für die Erfindung von Diovision. Heine spricht auch von „Ein-Bild-Stereoskopie“ und vergleicht seine Erfindung gern mit der des Films, der ja auch nicht aus sich bewegenden Bildern, sondern aus einer schnellen Folge einzelner stehender Phasenbilder besteht: Auch beim Film forme sich der visuelle Eindruck von Bewegung erst im Kopf des Betrachters, während auf der Leinwand etwas ganz anderes passiere. Was Heine erfunden und patentiert bekommen hat, ist eine Maske, die mit etwas Abstand vor dem flachen Bild plaziert wird und den Augen zwei gesteigert ungleiche Bildinformationen aufnötigt.

In der unnachahmlichen Sprache der Patentschriften leistet die Maske eine „beabstandete Überdeckung der Bildrandbereiche“. Das heißt: Der Ausschnitt der leicht gewölbten Sichtblende ist geringfügig kleiner als das Bild, vor dem sie sich befindet. Zu diesem hält sie außerdem einen gewissen Abstand ein. Dessen Größe passend zum Format des Bildes und der Maske richtig zu bestimmen, darin steckt das Fachwissen des Erfinders.

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In Acrylglas ausgeführt für das iPad 2 bis 4 passend kostet die Diovision-Blende rund 100 Euro. Aber das Prinzip lässt sich kleiner und wesentlich größer und mit Papier und Kunststofffolien realisieren. Man kann damit aus mehreren Schichten bestehenden Postkarten mit einem Schnapper räumliche Tiefe geben. Oder kann die Maske vor einem Riesen-TV-Bildschirm plazieren, den Bildern eines Smartphones genauso wie denen eines Spiels auf dem Computer-Monitor, aber auch einem Werbe-Display oder einem Leuchtkasten Tiefenwirkung verleihen. Diovision funktioniert bei stehenden wie bei bewegten Bildern, in Farbe wie in Schwarzweiß. Am besten eignen sich Bilder, auf denen von vorn bis hinten alles scharf abgebildet ist. Sie können, aber sie müssen nicht beleuchtet oder selbst leuchtend sein. Die Wirkung von Diovision wird gesteigert, wenn die Bildfläche – wie bei modernen Fernsehgeräten – hohl gewölbt ist.

Was passiert, ist jedes Mal das Gleiche: Als Betrachter nimmt man – und zwar an den Bildrändern – flüchtig wahr, dass sich die Ansicht minimal ändert. Irgendein Detail verschwindet oder kommt hinzu. Diese Veränderung lässt den Abstand zwischen der Sichtblende und dem Bild dahinter wahrnehmen. Ohne dass man sich darauf konzentrieren müsste, wird dieser Eindruck von Tiefe zur Mitte hin auf das gesamte Bild übertragen. Manche Bilder wirken in dem Rahmen der Sichtblende einfach nur „echter“, andere gewinnen geradezu dramatisch an Plastizität. Das hängt stark von den Motiven ab, vor allem davon, wie gestaffelt das Flachbild ist, das heißt wie viel perspektivische Information es enthält. Und je größer, desto besser: Es nützt, wenn man in dem Bild herumgucken kann.

Die räumliche Wirkung von Bildern, die man mit Diovision betrachtet, ist längst nicht so aufdringlich wie bei herkömmlichen stereoskopischen Bildern oder Filmen. Sie wirkt eher sanft und natürlich- schwer vorstellbar, dass jemand durch die Sichtblende Kopfschmerzen oder Unwohlsein bekommen könnte. Man kann sich gegen die Wirkung auch wehren, etwa indem man unter besonders flachem Winkel seitlich in die Blende hineinschielt.