Aktien

Frankreich streicht ein Privileg der Kleinanleger

• Bookmarks: 13


Sind Mitarbeiter nicht die besseren Unternehmenseigner? Die französische Regierung ist anderer Meinung und streicht die automatische Zuteilung beim Verkauf von Staatsaktien.

Kleinaktionäre haben es in Frankreich nicht leicht. Am kommenden Freitag beginnt in Paris der „Salon Actionaria“, zu dem an drei Tagen 25.000 Besucher erwartet werden. „In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der individuellen Aktionäre in Frankreich um 42 Prozent gesunken. Die Zahl unserer Besucher fiel in dieser Zeit um 11 Prozent“, berichtet die Direktorin des Salons, Blandine Fischer. Immerhin habe sich die Besucherzahl im vergangenen Jahr stabilisiert. Das könnte auch 2014 so bleiben. „Wir rechnen etwa mit dem gleichen Interesse wie im vergangenen Jahr“, sagt Fischer.

Die Franzosen sind allgemein gegenüber Börsenspekulationen skeptisch geworden. Seit Beginn des vergangenen Jahrzehnts gab es einige böse Pleiten sogenannter „Volksaktien“, ähnlich der deutschen Erfahrung mit der Telekom-Aktie. Die Finanzkrise 2008 hat dem Vertrauen in die französische Börse einen weiteren Hieb versetzt. Und über allem schwebt die dunkle Wolke des Fiskus: Die Regierung belegt die Anlageform des Aktienhandels nicht nur mit hohen Steuern, sondern auch mit hohen Sozialabgaben.

Zudem waren die jüngsten Kursentwicklungen an der französischen Börse nicht dazu angetan, das Interesse zu erhöhen. Die Anleger sind nervös. Zwischen Anfang Juni und Mitte Oktober hat der Leitindex CAC-40 rund 15 Prozent verloren und seither nur einige Punkte wieder gutgemacht. Gegenüber dem Jahresbeginn liegt der französische Hauptindex um 2 Prozent im Minus. Auch davor war die französische Börse lange nicht so explodiert wie etwa die amerikanische. Seit dem Tiefpunkt im März 2009 hat der CAC-40 um 87 Prozent zugelegt, der S&amp-P-500 dagegen um 200 Prozent.

Frankreich fördert den Aktienbesitz

Mehr Geschmack finden die Franzosen dagegen an Belegschaftsaktien. Sie halten gerne Anteile an den Unternehmen, für die sie arbeiten- der Erwerb ist leicht, er ist oft Teil eines betrieblichen Sparplanes, der günstige Einstandspreise ermöglicht, er wird über die Personalabteilung organisiert und steuerlich bevorzugt. Frankreich zählt rund 4 Millionen Belegschaftsaktionäre – deutlich mehr als die Zahl der unabhängigen Kleinaktionäre.

Mehr zum Thema

Auch gegenüber Deutschland und Großbritannien ist Frankreich voraus. Früh hat das Land den Aktienbesitz durch die Beschäftigten gefördert. Der Erste war Staatspräsident de Gaulle, der 1967 ein Dekret zur Verbreitung dieser Sparform unterzeichnete. Wenn heute ein französisches Unternehmen mehr als 3 Prozent Belegschaftskapital hat, muss es einen Vertreter dieser Aktionäre in den Aufsichts- oder Verwaltungsrat aufnehmen.

Bei Orange wird die Belegschaft übergangen

Auch viele sozialistische Politiker haben diese Praxis gutgeheißen, zumal hohe Anteile von Belegschaftsaktien auch einen gewissen Schutzschild gegen feindliche Übernahmen darstellen können. Doch jetzt ist eine von der Regierung im Sommer weitgehend unbemerkt erlassene Verordnung entdeckt worden, nach welcher der Staat beim Verkauf von staatlichen Aktien keinen bestimmten Anteil mehr für Belegschaftsaktionäre reservieren muss.

1986 war die Vorschrift unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand und seinem in der „Cohabitation“ kooperierenden, konservativen Finanzminister Edouard Balladur eingeführt worden- seither muss der Staat bei Privatisierungen 10 Prozent der Aktien den Belegschaftsaktionären anbieten.

Doch damit ist es jetzt vorbei. Als der Staat kürzlich 50 Millionen Aktien oder 1,3 Prozent seiner Anteile an Orange (früher France Télécom) verkaufte, gingen die Mitarbeiter völlig leer aus. Hinter dem Coup steckt nicht etwa der im September angetretene Wirtschaftsminister und ehemalige Investmentbanker Emmanuel Macron, sondern neben Präsident Hollande und Premierminister Manuel Valls kein anderer als Macrons Vorgänger Arnaud Montebourg. Dabei hat gerade dieser immer für die Rechte der Arbeitnehmer und eine Stärkung des Standortes Frankreich gekämpft.

Die Regierung muss ihr Tafelsilber verkaufen

Die Bevorzugung der Belegschaftsaktionäre ist Opfer der „Vereinfachungs“-Initiative geworden, welche die Regierung ausgerufen hat. Präsident Hollande will möglichst viele Vorschriften abschaffen, die als überflüssig gelten. Doch die Bewertung ist natürlich höchst subjektiv. Der ehemalige französische EU-Kommissar Michel Barnier kann für das Ende der Belegschaftsreserve bei Privatisierungen kein Verständnis aufbringen: 68 Prozent der Unternehmen in der Europäischen Union hätten überhaupt kein System für Belegschaftsaktien eingeführt, bedauerte er in einem Zeitungsbeitrag.

Infografik / CAC-40-Index Der CAC-40-Index: Nur 87% statt 200% zugelegt.

Dabei hätten „Jahrzehnte von Forschung“ gezeigt, dass Unternehmen im Teilbesitz ihrer Beschäftigten seltener ins Ausland fliehen, höhere Gewinne erzielen, mehr Arbeitsplätze schaffen und daher auch mehr zum Steueraufkommen eines Landes beitragen. Auch der Verband der Belegschaftsaktionäre will alle Hebel in Gang setzen, um die Verordnung der Regierung rückgängig zu machen.

Das Thema dürfte an Bedeutung gewinnen, wenn die Regierung wie beabsichtigt zu weiteren Teilprivatisierungen schreitet. Nach einem Bericht der Beratungsgesellschaft Sodali könnte der Staat noch Aktien im Wert von 16 Milliarden Euro verkaufen, ohne dabei an Stimmrechten zu verlieren. Die Haushaltsnöte zwingen die Regierung zum Teilverkauf ihres Tafelsilbers. Und je weniger Belegschaftsaktionäre dabei zu Vorzugspreisen bedient werden müssen, desto besser für die Haushaltskasse.