Finanzen

Wie professionelle Anleger auf niedrige Zinsen reagieren

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Strafzinsen sind für Anleger ein rotes Tuch. Auch die Profis schlagen sich bei ihren Anlageentscheidungen mit geringen Zinsen herum. Können die Privatanleger von ihnen etwas lernen?

Der Druck unter professionellen Anlegern angesichts der niedrigen Zinsen einen ordentlichen Ertrag zu erzielen, hat offenbar merklich zugenommen. Das geht aus einer aktuellen Umfrage unter institutionellen Investoren hervor, welche die Universität Siegen im Auftrag der Fondsgesellschaft Union Investment durchgeführt hat.

Rund 19 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die Rendite für das wichtigste Kriterium bei der Anlageentscheidung halten – das ist der höchste Wert dieser jährlich erhobenen Befragung seit dem Jahr 2008 und ein mehr als doppelt so hoher Anteil wie noch im vergangenen Jahr 2013. Befragt wurden 109 institutionelle Anleger, die insgesamt rund 440 Milliarden Euro verwalten, in der Zeit zwischen dem 14. April und 16. Mai dieses Jahres, also noch vor den beiden jüngsten Zinssenkungen der Europäischen Zentralbank.

Zugleich zeigt die Umfrage das Dilemma, das unter deutschen Anlegern vorherrscht: Denn der für beinahe zwei Drittel der Befragten wichtigste Aspekt der Kapitalanlage bleibt die Sicherheit. Rund 17 Prozent wollen vor allem, dass ihre Anlagen liquide sind und sie sie im Notfall schnell wieder verkaufen können.

Niedrige Zinsen, hohe Volatilität

Die klassische, für ausfallsicher befundene Zinsanlage mit gut planbaren Erträgen wurde früher all diesen Ansprüchen gleichzeitig gerecht. Doch heute ist das anders: Bundesanleihen sogar mit zehn Jahren Laufzeit rentieren mit weniger als einem Prozent. Mit Blick auf die zurückliegenden zwanzig Jahre ist darum nicht schlecht gefahren, wer sein Geld in diese Titel investiert hat. „Der Weg ins Zinstal war sehr ertragreich“, resümierte Jens Wilhelm, für die Kapitalanlage zuständiger Vorstand der Union Investment auf einer Investorenkonferenz in Mainz. Nun sei es damit allerdings vorüber.

Wilhelm erwartet wie auch die Mehrheit der Konferenzteilnehmer, dass die Zinsen noch bis Ende des Jahrzehnts niedrig bleiben werden. „Das ist nichts Zyklisches, sondern etwas Strukturelles.“ Neben den niedrigen Zinsen müssten sich Anleger zugleich auf eine Zeit tendenziell schneller aufkommender Verunsicherung und höherer Kursschwankungen einstellen – und zwar vornehmlich aufgrund der größeren geopolitischen Risiken. Dazu zählt er nicht nur Kriege wie in der Ukraine und im Nahen Osten oder Spannungen zwischen Atommächten in Asien, sondern auch die Tendenz, dass die Vereinigten Staaten die Rolle des Weltpolizisten zunehmend verlieren.

Das Sprichwort „Politische Börsen haben kurze Beine“ gelte heute nicht mehr. Wilhelm wundere sich gelegentlich, dass die Aufmerksamkeit für diese Themen an den Märkten mitunter deutlich geringer ist als etwa für jedes einzelne Wort aus dem Munde der Zentralbanker. Dabei sei für die mittel- bis langfristig ausgerichtete Geldpolitik aufgrund der wirtschaftlichen Gegebenheiten doch ziemlich klar, wie sich die Notenbanken verhalten würden: Die der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs würden tendenziell restriktiver, die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan blieben auf Lockerungen ausgerichtet. „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir im ersten Quartal des kommenden Jahres einen weiteren Konkurrenten auf dem Markt für sichere Staatsanleihen in der Euro-Zone bekommen“, sagte er und äußere darin seine Auffassung, dass die EZB dann auch (wieder) Staatsanleihen kaufen könnte.

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Wie sollen sich professionelle Anleger in dieser Situation konkret verhalten? Und was können private Anleger von ihnen lernen? Ein wichtiges Element sieht Wilhelm in Anlagen außerhalb der Währungsunion, wo die Wirtschaft in den kommenden Jahren wohl schneller wachsen wird, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. Die Europäer könnten sich dabei an Japan orientieren, wo Lebensversicherer und Pensionskassen wegen der niedrigen Zinsen schon seit Jahren mehr Geld im Ausland anlegen.

Aber auch innerhalb der Währungsunion sieht er ordentliche Möglichkeiten: Staatsanleihen aus Spanien, Irland, Belgien und Portugal hält er für vergleichsweise attraktiv, von italienischen würde er derzeit eher abraten. Gelegenheiten für institutionelle Investoren gebe es auch auf dem Markt für nachrangige Anleihen oder im Bereich der in der Finanzkrise stark in die Kritik geratenen Asset Backed Securities (ABS). Und natürlich gehören aus seiner Sicht auch Aktien ins Portfolio – gerade die jüngste Berichtssaison habe gezeigt, dass viele Unternehmen nicht schlecht dastehen. „Die Stimmung in den vergangenen Wochen war mitunter viel schlechter als die Lage“, sagte er.

Als zweites Element für die Kapitalanlage im Niedrigzins-Umfeld rät die Union Investment dazu, häufiger und schneller auf Veränderungen zu reagieren und die Vermögensanlage anzupassen. Dazu gehört nach Ansicht ihrer Experten auch ein stärkeres Gewicht auf Erkenntnisse der technischen Analyse zu legen, also mithilfe statistischer Verfahren Trends zu ermitteln und vor allem Zeitpunkte, an denen sie sich umkehren, und dann aus den entsprechenden Märkten vorübergehend auszusteigen. Dahinter steht ein sehr klarer Gedanke: Wenn die Renditen eher gering bleiben, lohnt es sich womöglich stärker als bislang dafür zu sorgen, Verluste zu vermeiden.