
Dass ein paar wichtige Pariserinnen ohne die Männer auskommen, ist sogar beim Prêt-à-porter zu sehen. Die Mode ist dieses Mal unaufgeregt und trotzdem nicht nachlässig. Eine gute Kombination.
Dieser Schmuck ist wie eine zweite Haut. Der Armreif schmiegt sich um ihr Handgelenk. Der Ohrring hat den Schwung ihrer Ohrmuschel. Die Schmuckstücke – und die Körperteile – gehören zu der in New York lebenden Brasilianerin Ana Khouri, die ihr Label am Mittwoch zum ersten Mal in Paris präsentiert. Den Zeitpunkt hätte die 33 Jahre alte Designerin kaum besser wählen können. Nicht nur, weil es Stücke sind, die sich Frauen selbst kaufen, was immer mehr von ihnen auch tun. Khouris Haltung und die Aussage ihres Labels – „es geht nicht um den Ohrring oder das Ego, es geht um die Verbindung eines Stücks mit der Frau“ – passen zum aktuellen Schliff der Mode beim Prêt-à-porter.
Die liegt irgendwo zwischen sinnlich und selbstverständlich, als sei sie für jene Frauen von Paris gemacht, die seit einigen Monaten in aller Öffentlichkeit die Männer links liegen lassen und als die Stärkeren hervorgehen. Da ist Valérie Trierweiler mit ihrem Skandalbuch „Merci pour ce moment“. Da ist Anne Sinclair, die frühere Frau des ehemaligen IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn. Und da ist Anne Hidalgo, die im April als erste Frau die Bürgermeister-Wahl von Paris gewann.
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Das soll nicht heißen, dass die Models jetzt aussehen, als orientierten sie sich an den Kleiderordnungen im Hôtel de Ville. Im Gegenteil, die Kleider, mit denen sie in den ersten Tagen einer langen Pariser Modewoche über den Laufsteg ziehen, erzählen von der Leichtigkeit der Frauen, die längst Frieden mit sich und der Mode geschlossen haben. Sinnlichkeit ist gewissermaßen das Stichwort der Saison. Damir Doma bemüht sich um Kleider, die „sinnlich und doch real“ sind. Julien Dossena, seit einem Jahr Chefdesigner von Paco Rabanne, erzählt nach der Schau seiner athletischen Kollektion von „disziplinierter Sinnlichkeit“. Und der Hosendesignerin Bouchra Jarrar, die jetzt so viele Röcke wie noch nie zeigt, geht es um nichts Geringeres, als um „die ideale Garderobe für Frauen“. Selbst bei den Marken Isabel Marant und Balmain, die eine mädchenhaft-sexy, die andere nur sexy, schwingt eine Spur mehr Selbstachtung mit. Dagegen zaubert Dries van Noten seiner Frau immer noch „Aura“. Sie trägt Bunt-Gestreiftes zu Jacquard und scheut sich weder vor dem Spiel mit den Proportionen noch vor hohen Rockschlitzen. Nach der Schau lassen die 58 Models sich wie selbstverständlich auf dem Moosteppich nieder, der im Grand Palais als Laufsteg dient.
Mode auf dem Laufsteg überraschend unangestrengt
Apropos Moos, jetzt, da mindestens drei Frauen in Paris die Männer abgehängt und abserviert haben, da auch die Mode auf dem Laufsteg überraschend unangestrengt aussieht, ohne dabei nachlässig zu sein, braucht es einen neuen Sehnsuchtsort, abseits der gläsernen Decken. Als Gegenprogramm zu den Erfolgsleben dieser Frauen bietet sich alles Grüne: Nicht nur Dries van Noten rollt den Moosteppich aus, zum Vogelgezwitscher aus den Lautsprechern. Pierre Hardy, Schuhdesigner bei Hermès, lädt zur Präsentation und plaziert seine Modelle zwischen Moosen und Gräsern. Und Christian Wijnants zeigt gleich eine Gummikollektion, mit der man sich bei Regen aufmachen könnte zum Spaziergang über die Felder. Nur, wer würde sich das ernsthaft zumuten?
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Zumindest ist der Einfall schräg genug, um damit aufzufallen. Die Natur, auch das wird beim Prêt-à-porter deutlich, ist ein Mittel im Kampf um möglichst viele Likes. So zieht es nach der Schau des Dries van Noten kaum jemanden in Richtung Ausgang. Stattdessen drängen alle zum Moosteppich, mit leuchtenden Bildschirmen in der Hand. Mode als Spektakel, die Kombination gelingt nicht immer. Sie fördert ziemlich flache Entwürfe zutage. Wijnants’ Gummikleider oder die plumpen Gurte über Rochas’ eigentlich so schönen Feenkleidern sind nichts für sinnlich-selbstverständliche Frauen. Von denen laufen – neben 20 Jahre alten Models – einige bei Alber Elbaz über den Laufsteg, jenseits der 30. Hier werden ja auch 125 Jahre Lanvin gefeiert.
So erreicht Mode digital die Massen
Dior braucht nur mit dem Finger zu schnipsen, und die Aufmerksamkeit wartet als große Menschentraube am Freitagmittag vor einem Seitenflügel des Louvre auf seine Schau. Auch so erreicht Mode digital die Massen. Während ein kleiner Teil mit Einladungen hereingelassen wird, springt ein großer einfach weiter draußen herum. „A f*** nightmare to get in“, flucht eine, die es geschafft hat. Die Entwürfe von Raf Simons für Dior sind dabei nicht einmal so, dass man sich unbedingt unter Verwendung der Ellbogen zu ihnen durchquetschen müsste. Die Serie weißer Anzüge mit Brokat-Elementen an Armen und Beinen, die Bomberjacken mit angedeutetem Bar-Stil oder die weiten Röcke mit Druckknöpfen, an denen Cut-out-Oberteile hängen, sind für Frauen, die schon weiter sind, die dennoch die Idee eines Dior-Einteilers verstehen, die wie selbstverständlich Westenmäntel über Bermudas werfen. Die Couture-Verarbeitungen haben System. Sie sollen auf das Rad der Mode hinweisen, das sich immer schneller dreht.
Einem reicht es deshalb jetzt. Jean Paul Gaultier zeigt am Samstagabend seine letzte Prêt-à-porter-Schau, nach fast vier Jahrzehnten. In Zukunft soll es nur noch Couture und die Parfumlinie des Designers geben. Am laufenden Band möglichst unangestrengte Mode zu entwerfen ist eben von allem eins: anstrengend.
Deutsche Linkshänder-Mode aus Paris
