
Das Unternehmen SGL Carbon war die Hoffnung der Autoindustrie: BMW und VW stiegen ein. Seitdem geht’s bergab.
Das Unternehmen SGL Carbon ist in jeder Hinsicht etwas Besonderes. Es gibt wenige Firmen, an denen sich gleich zwei Konkurrenten beteiligen: SGL hat mit VW und BMW ziemlich prominente Miteigentümer. Es gibt äußerst wenige deutsche Aktien, deren Kurs sich wie bei SGL in diesem Jahr fast halbiert und seit 2011 gedrittelt hat. Und so ist die dritte Besonderheit fast schon gar nicht mehr überraschend: Es gibt kaum Aktien, die von keinem einzigen Analysten zum Kauf empfohlen werden.
SGL wartet seit mehr als einem halben Jahr darauf. Seit März hagelte es zwölf Verkaufsempfehlungen, sieben Analysten konnten sich gerade einmal zum Halten der Aktie durchringen. Und das ist auch nicht viel besser als die Aufforderung zu verkaufen.
Was ist nur los mit dieser Aktie, die noch vor drei Jahren der große Hoffnungswert vieler Anleger und damals mehrere Milliarden Euro wert war? Die zu den großen Werten im M-Dax gehörte und jetzt aus dem wichtigsten Index nach dem Dax herausgefallen ist.
Es ist die Geschichte einer Aktie, die wegen der Hoffnung auf eine große Zukunftstechnologie in die Höhe schoss und ebenso tief fiel, als sich die Hoffnung nicht in dem erwarteten Tempo erfüllte. Sie steht beispielhaft als Warnung für viele Aktien, mit denen große Erwartungen, aber noch wenig reales Geschäft verbunden sind. Gerade in der Internetbranche gibt es einige solcher Beispiele.
Seit 2013 fällt der Umsatz
Bei SGL Carbon ist die Kohlefaser der große Hoffnungsträger. Sie ist ein hervorragender Werkstoff: Viel leichter als Stahl und Aluminium, aber genauso fest. Das macht sie ideal für den Automobilbau. Die Stromautos i3 und i8 von BMW verwenden sie, um Gewicht zu sparen. Deswegen haben sich die Münchener auch an SGL beteiligt und ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet. Auch neue Flugzeuge wie der Dreamliner von Boeing und der Airbus A 350 verwenden Kohlefaser oder Karbon, um ihre Flieger leichter und damit spritsparender zu machen. Dem Werkstoff gehört die Zukunft. Und damit der Aktie von SGL.
So dachten alle. Doch dann kam das Horrorjahr 2013. Der Umsatz fiel um zehn Prozent, das Betriebsergebnis um 90 Prozent. Außerordentliche Aufwendungen brachten ein Rekordminus von fast 400 Millionen Euro – bei 1,5 Milliarden Euro Umsatz, die Dividende wurde gestrichen. „2013 war das katastrophalste Jahr in der Unternehmensgeschichte“, gab der Vorstandsvorsitzende Jürgen Köhler zu. 2014 setzt sich die miserable Entwicklung fort. Die Halbjahreszahlen fielen verheerend aus, die Ratingagentur Moody’s senkte die Bonität auf hochspekulativ (B2) und die Deutsche Börse verbannte SGL vor zwei Wochen wegen der hohen Kursverluste vom M-Dax in den Kleinwerteindex S-Dax. Jetzt soll eine Kapitalerhöhung rund 270 Millionen Euro für den Schuldenabbau in die Kasse spülen.
Ein Sparprogramm soll nun helfen
Zwei Hauptgründe gibt es für die dramatische Wende vom Hoffnungswert zum Krisenunternehmen: Zum einen wird die Kohlefaser viel weniger nachgefragt als erwartet. Weil sie zwar hervorragende Eigenschaften hat, aber sechs- bis achtmal teurer ist als Stahl. So viel Spriteinsparung kann man gar nicht erzielen, um diese Kosten wieder reinzuholen. Das ist typisch für neue Werkstoffe und Technologien, deren Zukunft anfangs oft überschätzt wird. Zum anderen haben die Anleger zu sehr ignoriert, dass das Hauptgeschäft von SGL nicht die Kohlefaser ist, sondern Graphitelektroden, mit deren Hilfe Stahl- und Elektroschrott geschmolzen wird. Doch dieses Recycling lohnt sich wegen der niedrigen Stahlpreise derzeit nicht. Die Folge für SGL: ein starker Preisverfall und Nachfragerückgang bei den Elektroden.
Jetzt soll ein Sparprogramm helfen mit Stellenabbau und zwei Werksschließungen. So könnte der Verlust 2015 sinken. Erst danach kann es wirklich besser werden. Ob dann auskömmliche Preise für Elektroden und Karbon bezahlt werden, weiß niemand. Aber die guten Aussichten für die neuen Werkstoffe bleiben. Sie könnten risikobereite Anleger irgendwann im nächsten Jahr vielleicht über den Aktienkauf nachdenken lassen. Denn noch besteht die Chance auf eine große Comeback-Geschichte.
