
Die Kurse in Kanada sind in diesem Jahr kräftig gestiegen. Deutsche Anleger profitieren dazu noch von den Devisenkursen. Doch nun könnten Energie- und Häusermarkt die Wende bringen.
Die Börsenkurse in Toronto haben sich in diesem Jahr besser entwickelt als die in New York. Der marktbreite kanadische Aktienindex S&-P/TSX Composite liegt trotz leichter Rückschläge im September immer noch um mehr als 10 Prozent im Plus und ist nicht weit von neuen Rekordständen entfernt. Dagegen ist das amerikanische Marktbarometer S&-P 500 seit Anfang des Jahres nur um etwas mehr als 7 Prozent gestiegen. Für die kommenden Monate erwarten Analysten und Marktstrategen allerdings eine merkliche Abkühlung dieses Aufwärtstrends.
Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters kalkulieren diese Marktfachleute im Mittel mit einem Kursgewinn von nur rund 6 Prozent bis Mitte des kommenden Jahres. Der Grund: Börsianer fürchten, dass die gestiegenen Kurse die positiven Erwartungen bereits abbilden und daher nicht mehr viel Raum für Kurssprünge bleibt. Der S&-P/TSX wird derzeit mit einem etwas überdurchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 18 gehandelt. Das KGV ist ein gebräuchlicher Maßstab zur Bewertung von Aktien, deren Kurse sich an den erwarteten zukünftigen Gewinnen der jeweiligen Aktiengesellschaft orientieren.
Private Haushalte hoch verschuldet
„Es wird für das kommende Jahr mit einem Rückgang der Unternehmensgewinne gerechnet“, merkt Elvis Picardo an, Marktstratege beim Wertpapierhaus Global Securities in Vancouver. Deswegen sei ein „kreischendes“, also übertriebenes KGV für den kanadischen Index nicht zu rechtfertigen. Obwohl der kanadische Aktienmarkt wegen seiner hohen Gewichtung von Rohstoffaktien in der Regel stark von globalen Konjunkturtrends bestimmt wird, sorgt sich Picardo wegen lokaler Entwicklungen. „Im kommenden Jahr könnten die Sorgen um den kanadischen Häusermarkt wiederaufflammen, einfach wegen der Tatsache, dass die Preise so stark gestiegen sind“, sagte der Stratege. Die Häuserpreise in Kanada haben sich im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt. Der kanadische Immobilienverband rechnet für 2015 allerdings mit einem Rückgang der Verkaufszahlen für bestehende Häuser. Sollten die Preise für kanadische Häuser und Wohnungen stark zurückgehen, könnte das die Aktienkurse von Immobiliengesellschaften und Finanzdienstleistern belasten.
- Technische Analyse: Einzelaktien-Baisse in der Gesamtmarkt-Hausse
- Aktien
- Banken-Stresstest: So wetten Anleger auf das Ergebnis
- Aktienmarkt: Der fragwürdige Reiz der Liquidität
Finanzwerte sind mit einem Gewicht von 34 Prozent nach Rohstofftiteln der zweitgrößte Block im S&-P/TSX. Kanadische Bankaktien hatten zuletzt von robuster Geschäftsentwicklung profitiert. Große Kreditinstitute wie die Toronto-Dominion Bank und die Canadian Imperial Bank of Commerce hatten nach Rekordgewinnen ihre Dividenden erhöht. Ökonomen machen sich allerdings seit geraumer Zeit nicht nur wegen des Immobilienmarktes, sondern auch wegen der hohen Verschuldung der privaten Haushalte Sorgen.
Wette auf Rohstoffpreise
Entscheidend für die weitere Entwicklung der kanadischen Börse ist allerdings der Trend der Rohstoffpreise. Die Preise für Rohöl befinden sich wegen schleppender Nachfrage und robustem Angebot derzeit auf dem niedrigsten Stand der vergangenen 18 Monate, was schon die Aktienkurse von kanadischen Energieunternehmen belastet. „Rohstofftitel werden ein Bremsklotz sein“, meint Gavin Graham, der beim Vermögensverwalter Integris Pension Management die Anlagestrategie verantwortet. „Es ist schwierig zu sehen, dass der TSX große Fortschritte macht, solange es keine Hinweise darauf gibt, dass in wichtigen Schwellenländern wie China die Wirtschaft stärker wächst“, sagt Graham.
Die Börse in Kanada hatte in diesem Jahr nach zwei vergleichsweise schwachen Jahren eine veritable Aufholjagd gestartet. Analysten halten das für eine normale Entwicklung, die mit der besonderen Zusammensetzung des kanadischen Aktienmarktes zusammenhängt. Grundstoffhersteller und Energiewerte, die zusammen 38 Prozent des Börsenwertes stellen, reagieren an der Börse in der Regel erst in der späteren Phase von wirtschaftlichen Zyklen. Dagegen hängt der TSX den amerikanischen Börsenbarometern in frühen Aufschwungsphasen traditionell hinterher. Im Spätstadium eines Aufschwungs überflügelt der TSX den S&-P 500 in der Regel. Zum Vergleich: Im S&-P 500 entfallen auf Grundstoff- und Energietitel nur knapp 14 Prozent des gesamten Börsenwerts. Dafür sind konjunktursensible Technologietitel und Konsumwerte deutlich stärker vertreten.
Für deutsche Anleger hat sich ein Engagement in Kanada in diesem Jahr gelohnt. Der Grund: die relative Stärke des kanadischen Dollar, der gegenüber dem Euro in diesem Jahr um 3 Prozent aufgewertet hat. Der „Loonie“ ist eng an einen Korb von Rohstoffpreisen gekoppelt. Anlagen in Kanada sind nach Ansicht von Fachleuten daher immer auch eine Wette auf den Trend der globalen Rohstoffpreise, selbst wenn es sich um Aktien kanadischer Banken handeln sollte, die stark auf den Heimatmarkt konzentriert sind.
