
Vor einem Gericht in Washington hat ein ungewöhnlicher Prozess begonnen: Der frühere Chef des Versicherers AIG wirft der Regierung vor, während der Rettung vor sechs Jahren zu harsch gewesen zu sein.
Maurice „Hank“ Greenberg ist fast am Ziel. Mit Hilfe seines prominenten Anwalts David Boies und finanziert von reichen Freunden an der Wall Street bekommt der frühere Vorstandsvorsitzende des Versicherers American International Group (AIG) endlich seinen langersehnten Prozess gegen die amerikanische Regierung. Am Montag begann vor einem Bundesgericht in Washington ein ungewöhnliches Verfahren, das noch einmal eine der zentralen Entscheidungen der Regierung auf dem Höhepunkt der Finanzkrise aufrollen wird: die staatliche Rettung der in Schieflage geratenen AIG im Herbst des Jahres 2008 für insgesamt 182 Milliarden Dollar.
Als Zeugen werden die wichtigsten Akteure der Regierung erwartet: der ehemalige Finanzminister Henry Paulson, der frühere Präsident der New Yorker Notenbank und spätere Finanzminister Timothy Geithner sowie der einstige Vorsitzende der amerikanischen Notenbank, Ben Bernanke.
Der mittlerweile 89 Jahre alte Greenberg klagt als Chef der Gesellschaft Starr International, eines Großaktionärs von AIG, gegen die Regierung und fordert mehr als 40 Milliarden Dollar Schadensersatz. Greenberg argumentiert, dass die Regierung bei der Rettungsaktion zu harsche Konditionen durchgedrückt hatte. Aktionäre von AIG wie Greenberg und Starr hätten deswegen hohe Verluste erlitten. Nach Ansicht von Greenberg wäre eine privatwirtschaftliche Rettungsaktion möglich gewesen. Sein Anwalt Boies bezeichnete die von der Regierung durchgesetzten Konditionen für die damaligen Notkredite, unter anderem einen Zinssatz von 14 Prozent, am Montag als „Erpressung“. Der Anwalt der Regierung, Kenneth Dintzer, hielt dagegen, dass die Rettungsaktion den Aktionären gedient habe – weil die Alternative die sichere Insolvenz und damit der Totalverlust ihrer Anteile gewesen wäre. Das amerikanische Finanzministerium hielt zeitweise mehr als neun Zehntel der AIG-Aktien. Bis Ende 2012 hatte sich das Ministerium wieder von den Anteilen getrennt. Die Regierung machte mit der Rettungsaktion nach eigener Kalkulation schließlich einen Gewinn von rund 23 Milliarden Dollar.
Greenberg legt auf seinem juristischen Feldzug, der im Rahmen einer Sammelklage auch andere Aktionäre mit einschließt, die gleiche Hartnäckigkeit an den Tag, mit der er fast vier Jahrzehnte lang AIG zu einem globalen Versicherungsriesen gemacht hatte. Er war 2005 allerdings geschasst worden, nachdem Börsenaufsicht und der New Yorker Generalstaatsanwalt dem Unternehmen fragwürdige Bilanzierungsmethoden vorgeworfen hatten.
Der Verwaltungsrat von AIG hatte Anfang 2013 nach einer juristischen Prüfung entschieden, sich nicht an der Klage von Greenberg zu beteiligen. Allein die Prüfung der Angelegenheit hatte allerdings für Aufsehen gesorgt, weil es den Anschein einer gewissen Undankbarkeit von AIG gegenüber seinen staatlichen Rettern erweckte. Ohne eine Prüfung der Klage hätte sich das Aufsichtsgremium allerdings möglicherweise rechtlich angreifbar gemacht, da es als Treuhänder die Interessen der Aktionäre vertreten muss.
