
Es ist so schwer, sich für eine Kamera zu entscheiden. Die Photokina in Köln macht es einem auf keinen Fall leichter. Ist ein Eigenbau die Lösung? Einen Versuch war es wert.
Dass auf die Bitte um einen Rollfilm hin kommentarlos ein Kleinbildfilm über den Tresen geschoben wird, das kann einem inzwischen sogar in Läden passieren, die sich als Fotogeschäft bezeichnen. Wie das Bild in der jüngeren Vergangenheit der analogen Fotografie in der Kamera entstand, das können sich viele digitale Eingeborene überhaupt nicht mehr zusammenreimen. (Dass sie es von ihren durch die weite Welt geposteten Smartphone-Selfies auch nicht wissen, steht dazu nicht in Widerspruch.)
Insofern ist es schon ein pädagogisches Projekt, wenn der Franzis Verlag auf einem Karton im Format eines Aktenordners zum „Spiegelreflexkamera selber bauen“ aufruft. „In einer Stunde die Welt auf Film im eigenen Kasten“ und „Mit 75-teiligem Kamerabausatz für eine vollfunktionsfähige zweiäugige Spiegelreflexkamera“ sind weitere Verheißungen.
Ein Teil des Kartons im Gegenwert von knapp 50 Euro entpuppt sich als Buchdeckel von 40 bunt und instruktiv bebilderten Seiten. Die sind nicht nur Bauanleitung, sondern werfen zunächst einen Blick auf die ruhmvolle Vergangenheit deutscher Kamerabaukunst: die zweiäugige Rolleiflex von Franke und Heidecke in Braunschweig für das Negativ-Format 6×6 Zentimeter.
Eine Spiegelreflex im Ikea-Prinzip
Nach der Bauanleitung folgt dann im Buch ein schnappschussartiger Abriss zu den – so allerdings nicht gestellten – Fragen „Was ist der Film und wer war Kodak?“, ein Blick in eine moderne, einäugige digitale Spiegelreflex, gefolgt von ein wenig Anleitung zum Lomographieren zum Beispiel mit dem Redscale-Effekt und – man will es nicht glauben – „So entwickeln Sie Ihren Film“. Der ist im Gegensatz zu anderen (günstigeren) Angeboten des gleichen Bausatzes nicht im Lieferumfang enthalten, genauso wenig wie das Werkzeug: „Das brauchen Sie: einen kleinen Kreuzschlitzschraubendreher (PH0×40), ein scharfes Messer, um eventuelle Unebenheiten zu korrigieren, einen feinen Pinsel, um Staub zu entfernen.“
Der Bausatz stammt aus China, von einem Unternehmen namens Recesky, dem die Welt so segensreiche Dinge wie einen selbstumrührenden Kaffeepott verdankt. Franzis rühmt dem Bausatz nach: „Funktioniert ohne Kleben! Zusammenstecken – verschrauben – fotografieren: So einfach funktioniert der Spiegelreflex-Bausatz! Das schwarze Kunststoffgehäuse lässt Ihre fertige zweiäugige Spiegelreflexkamera fast wie eine original Rolleiflex aussehen.“ Paul Franke, der Kaufmann, und Reinhold Heidecke, der Konstrukteur, dürften ob dieser Behauptung hochtourig im Grabe rotieren.
Nur wenigen Einzelteilen ist auf Anhieb anzusehen, welche Funktion sie in der Kamera haben…
Wer den Original-Bausatz „Plastic Recesky DIY Camera Kit“ günstig im Internet erwirbt, bekommt Film und Werkzeug obendrauf, und etwas mehr als eine bloße Bauanleitung auf Englisch. Die ist nicht so schön wie das Buch von Franzis, fürs Bauen aber gar nicht so übel, weil sie an einem besonders kniffligen Punkt das erforderliche Tun dem Bastler besser, nämlich einfach richtig darstellt.
Wichtigster Konstruktionshinweis: Stress vermeiden
Wenn man wie heute vor jeder Investition in die Käufer-Kommentare im Internet schaut, dann ist da immer wieder die Rede vom Vermurksen des Verschlusses – was dann die Kamera zu Plastikschrott macht. Nicht dass der Recesky-Verschluss annähernd so etwas wäre wie der Compur Rapid in einer Rolleiflex. Aber die Plastiklinse der Brennweite 5 Zentimeter, die man wahlweise mit Blende 11 oder 5,6 verbauen kann, ist ja schließlich auch kein Tessar von Carl Zeiss Jena. Nein, dieser Verschluss ist ein simples Paddel, das für etwa
… zuletzt greifen aber Zahnräder, Federn und Drehknöpfe in einander und arbeiten zusammen
Und daran scheitern offenbar vor allem die Kamerabauer, die versuchen, die eine Stunde Montagezeit zu unterbieten. Tatsächlich hat es sich beim Selbstversuch bewährt, zwischen der deutschen Anleitung, die sich vielfach klarer ausdrückt, und der englischen hin und her zu schauen. Am besten verzichtet man außerdem auf Koffein und familiären Stress- die Katze sollte man ums Haus schicken. Dann wiederholt man immer wieder folgendes Mantra: „Ich habe lilienzarte Finger wie die niedlichen chinesischen Fabrikarbeiterinnen, die diese verdammten Federn in Windeseile um die Plastikteile wickeln.“ Und siehe da, der Verschluss schnappt, als ob es nichts anderes gäbe.
Im Prinzip funktioniert der gesamte Aufbau der Kamera so. Bis auf die Momente, wo man Kraft braucht, bis die Finger zittern, und wo von Zusammenbau eigentlich nicht mehr die Rede sein kann, weil es eher ein Würgen ist. Zu guter Letzt: Ja, sie macht Bilder. Auf Kleinbildfilm, den man durch Druck auf die richtige Gehäusestelle auch zu transportieren lernt.
