
Langsam wird in der New Yorker Mode die Normalität zur Norm. Nur einige wollen aus der Masse herausstechen.
Was für eine Aussicht! Aus dem 54. Stockwerk von „Four World Trade Center“ blickt man hinüber zur Freiheitsstatue und auf der anderen Seite hinauf nach Midtown. Pünktlich zum Jahrestag der Anschläge kann man von hier oben die Wiederauferstehung des vor 13 Jahren zerstörten Hochhauskomplexes beobachten. Und dann auch noch mit einem Defilee urbaner Entwürfe, die den Zuschauern sagen wollen: New York ist wieder da, und zwar schöner als je zuvor.
Diese frohe Botschaft muss nicht einmal eine amerikanische Marke aussenden: Hugo Boss hat in den noch rohen Neubau geladen, der in der Nähe des alten „World Trade Center 4“ steht, das am 11. September 2001 durch den Einsturz des Südturms zerstört wurde. Der Zufall will es, dass die Nummer vier des Hochhauskomplexes früher teils einem ebenfalls deutschen Unternehmen gehörte, nämlich der Deutschen Bank.
Boss-Designer Jason Wu hat sich noch besser eingelebt
Und ein weiterer seltsamer Zufall will es, dass sich der Boss-Designer Jason Wu mit seiner hervorragenden Kollektion auf die minimalistisch-abstrakte Künstlerin Agnes Martin beruft, die 1912 geboren wurde, im gleichen Jahr wie Minoru Yamasaki, der Architekt des originalen „World Trade Centers“, der sich mit seinen strengen Linien einer ähnlich modernen Formensprache bedient. Was für eine Aussicht!
Jason Wu, der seit einem Jahr zwischen Manhattan und Metzingen pendelt, hat sich nach seiner Premiere im Februar noch besser eingelebt: „In der letzten Saison habe ich die Basis gelegt, indem ich die typische Boss-Männermode in die Damenmode überführt habe“, meint der Einunddreißigjährige nach der Schau. „In dieser Saison habe ich es weicher gemacht.“ Man sieht es an den blassen Farben von Hellgelb bis Hellblau, an den Hemdenstoffen, am Tüll, an den geometrischen Mustern, dem geschickten Layering – und an einem Kleid aus Stäbchenpailletten, das so schwer in der Hand liegt wie ein Goldbarren.
Ein taiwanesischer Designer aus Kanada präsentiert für eine schwäbische Modemarke in New York eine Kollektion – damit ist die produktive Spannung in der gesamten New Yorker Mode schon angerissen. Jason Wu symbolisiert auch die Etablierung der aufstrebenden Generation asiatischstämmiger Designer wie Prabal Gurung, Thakoon Panichgul, Phillip Lim und Alexander Wang. Phillip Lim eröffnete diese Woche seinen ersten Laden, Alexander Wang arbeitet nebenher für Balenciaga in Paris und bereitet seine H&-M-Kollektion vor, Prabal Gurung gibt jetzt auch eine Beauty-Linie heraus, Jason Wu hat gerade einen Investor für seine eigene Marke gefunden, so dass er nun auch an Läden und Lizenzen denkt.
Die Sommerpause ist vorbei
Und der französisch-chinesisch-amerikanische Designer Joseph Altuzarra, Liebling aller Moderedakteurinnen, hat für die Billigkaufhaus-Kette Target eine Kollektion entworfen, die ihm dabei helfen wird, seine eigene Linie zu finanzieren. Anders als zum Beispiel in Berlin funktioniert hier eben das Zusammenspiel zwischen Designern, Marken, Läden und der Presse. Ganz nebenbei beweist Altuzarra mit seiner Kollektion für Frühjahr und Sommer 2015 eindrucksvoll, dass sich Phantasietätigkeit und Marktfähigkeit nicht ausschließen.
