
Bei der Vorstellung der EU-Kommission hielt er sich wie gewohnt im Hintergrund: Der Deutsche Martin Selmayr gilt in Brüssel als designierter Kabinettschef Junckers als der neue starke Mann hinter den Kulissen.
Das Rampenlicht gehörte bei der Vorstellung der EU-Kommission am Mittwoch in Brüssel allein dem gewählten Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. Der Deutsche Martin Selymar hielt sich im Hintergrund, wie es sich für die rechte Hand eines Kommissionspräsidenten geziemt. Dass der 43 Jahre alte Jurist und langjährige EU-Beamte maßgeblichen, wenn nicht entscheidenden Anteil daran hatte, wer welchen Posten in der Kommission erhalten hat, gilt in Brüssel dennoch als gesetzt. Viele sehen in dem Leiter des Übergangsteams und wohl designierten Kabinettschef Junckers den neuen starken Mann hinter den Kulissen der Kommission.
Kaum jemand kennt die Machtgefüge in und um die Kommission so gut wie der in Bonn geborene Selmayr. 2004 wurde er – nachdem ihn Bertelsmann zuvor als Büroleiter nach Brüssel geschickt hatte – Sprecher der ehemaligen luxemburgischen EU-Kommissarin Viviane Reding. Mit ihr bildete er ein geradezu symbiotisches Verhältnis.
Er verstand es wie kaum ein anderer Sprecher seine Kommissarin in der Öffentlichkeit zu vermarkten. Nicht zuletzt die populäre Regulierung der Roaming-Gebühren für Telefonate im Internet gilt als sein Meister-Werk. Sie ließ ihm im Gegenzug bei der Planung und Ausarbeitung neuer Vorschläge allen Freiraum. Der Aufstieg zum Kabinettschef Redings, als sie 2010 das Amt der Justizkommissarin übernahm, war da nur der nächste logische Schritt.
Eine neue Hierachie
Fortan arbeitete Selmayr letztlich erfolglos daran, Reding den Weg zum Posten der nächsten EU-Kommissionspräsidentin zu ebnen. Als Wahlkampfleiter für Juncker gelang im März aber doch noch erfolgreich der Sprung auf den Zug zum Kommissionspräsidenten. Als Leiter des Übergangsteams war seine Aufgabe neben der Benennung der neuen Kommissare nicht zuletzt, das Gremium politischer und schlagkräftiger zu machen als es die schwache Barroso-Kommission war. Selymar und Juncker haben der Kommission eine neue Hierarchie verordnet. Sieben Vizepräsidenten sollen die Arbeit der Kommission künftig besser koordinieren, Juncker vertreten und so letztlichen einen Filter zu den zwanzig verbleibenden Kommissaren bilden. Die neue Struktur soll den Kommissionspräsidenten stärken.
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Selmayr nimmt damit als Kabinettschef künftig eine Schlüsselrolle ein. Schließlich gestaltet der Kabinettschef die Tagesordnung und die politische Linie des Kommissionspräsidenten maßgeblich mit. Ob die neue Struktur funktioniert, muss sich noch zeigen. So ist ungewiss, ob sich altgediente EU-Kommissare wie der deutsche Günther Oettinger tatsächlich ihrem Vizepräsidenten unterordnen oder nicht doch direkten Zugang zu Juncker verschaffen. Eine andere Frage ist, ob das Team Juncker/Selmayr langfristig tatsächlich funktioniert.
Charakterlich sind beide grundverschieden. Juncker gibt den Politiker alten Kohl’schen Schlages, Selmayr ist ein klassischer Spin-Doctor, ein ehrgeiziger smarter Medienprofi englischer Prägung. Vor allem eines muss er vermeiden: Reding galt früh als Kommissarin unter ihm. Juncker dürfte kaum bereit sein, diese Rolle zu spielen.
