
Die Ebola-Epidemie in Westafrika nimmt kein Ende. Experten, die mit ähnlichen Situationen Erfahrung haben, sind knapp. Womit haben Helfer wie „Ärzte ohne Grenzen“ zu kämpfen?
Herr De le Vingne, wir sprechen spät am Abend. Ihre Arbeitstage sind offenbar lang.
Es geht morgens um halb sieben Uhr los. Ebola ist ein Vollzeitjob, da gibt es für uns auch kein Wochenende. Wir haben eine Taskforce in Brüssel aufgebaut, die sich um die Strategie kümmert. Die stimmt sich regelmäßig via E-Mail oder Telefon mit unseren Mitarbeitern im Feld ab. Dass Fluglinien ihre Flüge in die betroffenen Länder gestoppt haben, war beispielsweise ein ernstes Problem für uns. Doch die Lage hat sich gerade wieder etwas entspannt.
Wie viele Behandlungszentren betreut die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ (Médecins Sans Frontières)?
Es sind sechs im Moment, jeweils zwei in Guinea, Sierra Leone und Liberia. Außerdem sind wir in Nigeria und in der Demokratischen Republik Kongo aktiv, wo nun ebenfalls Fälle bestätigt wurden. Das größte Zentrum zur Behandlung und Isolierung in der Geschichte von Médecins Sans Frontières (MSF) überhaupt haben wir erst kürzlich in Monrovia, Liberias Hauptstadt, eröffnet. Die Situation ist dort besonders brenzlig. Ursprünglich waren 60 Betten vorgesehen, nun sind die vorhandenen 120 belegt, und wir planen, die Kapazität noch einmal zu verdoppeln.
Ebola-Computersimulation: Mögliche Verbreitung über internationale Flughäfen Interaktiv
Werden dafür bestehende Krankenhäuser genutzt?
Eigentlich ist es einfacher, solche Isolationszentren mit Hilfe von Zelten und Planen komplett neu zu errichten, bevor wir Gebäude entsprechend umbauen oder renovieren. Es ist zum Beispiel wichtig, eine Art Rundkurs für Patienten zu gestalten. So können Verdachtsfälle von anderen getrennt und bei Bedarf dann isoliert behandelt werden.
Dafür wird ziemlich viel Material benötigt: Plastikplanen, Zäune, Handschuhe, Masken, Anzüge, Stiefel. Ist das alles ausreichend vorhanden?
- Biosicherheit: Darf man Ebola zum Fliegen bringen?
- Finger weg von riskanten Ebola-Experimenten!
- Ebola hat den Senegal erreicht
Das Material ist weniger ein Problem, eher die Mitarbeiter. Lokal sind mehr als tausend beschäftigt, doch unsere internationalen Kräfte rotieren und kehren etwa alle vier Wochen nach Hause zurück. Deshalb ist ein großer Pool nötig. Es melden sich zwar viele Freiwillige, aber wir brauchen Experten und Leute, die mit Ebola oder ähnlichen Situationen Erfahrung haben. In Brüssel haben wir jetzt ein Übungszentrum aufgebaut, in dem wir unsere Mitarbeiter und die anderer Hilfsorganisationen auf die besondere Situation in Afrika vorbereiten. Sie lernen, wie man in einer solchen Abteilung vorgehen muss. Nach einer Einführung beginnt das Training im Feld. Sicherheit ist der Kern für alles, was wir tun, und wir sehen es als unsere Aufgabe an, die Erfahrungen weiterzugeben.
Die Bedingungen in Afrika sind allerdings völlig anders als in europäischen Krankenhäusern oder Hochsicherheitslabors.
Trotzdem steht die Sicherheit der Mitarbeiter für uns an erster Stelle. Über fünf Monate lang lief auch alles gut. Aber in den vergangenen zwei Wochen hatten leider auch wir Tote zu beklagen. Deshalb erinnern wir jeden Tag erneut an die Sicherheitsvorgaben. Es ist nicht kompliziert, man kommt ohne Superhightech aus, man muss jedoch diszipliniert sein und beim An- und Ausziehen einige Dinge bedenken. Und man muss die Gefahr respektieren. Furcht wäre allerdings falsch. Zumal es kein hochansteckender Erreger ist, er wird nicht über die Luft übertragen. Wenn innerhalb von 42 Tagen kein neuer Fall auftritt, gilt ein Ausbruch als überstanden.
