
Die Chinesen sind im Vormarsch. Smartphones wie das One Plus One sind bestens ausgestattet, günstig und gut. Die Konkurrenz müsste sich fürchten – wären da nicht diese kleinen Schwächen.
Die Chinesen mischen den Smartphone-Markt auf. Ihre innovativsten und in Europa nahezu unbekannten Top-Marken heißen Xiaomi, Meizu oder Oppo. Diese Firmen versuchen mit Oberklasse-Geräten zu Niedrigstpreisen führende Unternehmen wie Samsung und Apple zu bedrängen. Nun versucht sich mit One Plus, eine Tochterfirma von Oppo, ein weiteres Unternehmen auf diesem Markt zu etablieren. Allein die Ankündigung ihres Smartphones hat für Furore gesorgt, weil das OnePlus One aufgrund seiner technischen Daten mit den Flaggschiffen von Apple, Samsung, LG, HTC oder Sony gut mithalten kann, aber zudem noch die Konkurrenz – auch die chinesische – im Preis deutlich unterläuft. Das Gerät kostet weniger als 300 Euro. Für Europäer ist es schwierig, an ein One Plus One heranzukommen. Man kann es per „Einladung“ kaufen oder über einen chinesischen Versandhändler sein Glück versuchen. Uns liegt ein Testgerät vor.
Man kommt nicht umhin, schon die Verpackung und das Zubehör zu erwähnen – und zu loben. Der rot-weiße Karton ist sehr schick und ansprechend gestaltet, ebenso das beiliegende USB-Ladekabel, das sich vom herkömmlichen Zubehör anderer Hersteller auffällig unterscheidet. Auch das Gerät selbst beeindruckt zunächst durch sein Aussehen. Besonders die Rückseite des 5,5-Zoll-Phablets gefällt. Der Kunststoff hat eine sehr fein angerauhte Oberfläche, die aufgrund ihrer graumelierten Töne ein wenig die Optik eines steinernen Materials hat. Die Funktion dieses Oberfläche ist schnell spürbar. Das One Plus One rutscht weder aus der Hand noch vom Tisch. Fingerabdrücke sind auf der Rückseite des Gerätes kaum zu sehen.
Nach dem Start des Smartphones wartet die nächste Überraschung. Was den Nutzer als Betriebssystem begrüßt, ist kein normales Android, sondern CyanogenMod. In der Android-Gemeinde ist dieses alternative Betriebssystem (Custom-ROM) schon seit Jahren sehr beliebt und wird bereits millionenfach eingesetzt. Eigentlich ist es sehr aufwendig, solche Custom-ROM zu installieren. Für CyanogenMod gibt es mittlerweile allerdings recht einfache Möglichkeiten. Solche Betriebssysteme sind nicht zu verwechseln mit modifizierten Oberflächen, wie man sie von Smartphones von Samsung, HTC, LG oder Sony kennt. Diese „Launcher“ sind letztlich nur kosmetische Eingriffe in Android. Cyanogen Mod bringt hingegen eigene Funktionen mit. Besonders interessant ist die Möglichkeit, die Zugriffsrechte von Apps modifizieren zu können. Mit den Optionen „erlaubt“, „verweigert“ und „immer nachfragen“ kann man je nach App bestimmen, ob Facebook etwa der Zugriff aufs Adressbuch verweigert wird oder es Twitter erlaubt ist, den Standort zu wissen.
Die Farben verblassen beim One Plus One (links) gegenüber dem iPhone 5s ziemlich Bilderstrecke
Sehr praktisch ist die Gestensteuerung im Standby-Modus. Ein gewischtes „V“ auf dem Bildschirm macht aus dem inaktiven Blitz eine strahlende Taschenlampe, ein Kreis öffnet direkt die Kamera-App, und ein Zwei-Finger-Wisch nach unten startet die Musik, die man zuvor gehört hat. One Plus hat hier offensichtlich fortgeführt, was Mutter Oppo bei ihren Geräten eingeführt hatte. So lassen sich beim N1 auch Funktionen wie das Scrollen des Bildschirms oder das Auslösen der Kamera über ein kleines berührungsempfindliches Feld auf der Rückseite des Gerätes ausführen.
Mit Apps ist das Betriebssystem recht puristisch ausgestattet. Neben dem bekannten Google-Bündel von Chrome über Play Music bis zu Hangouts gibt es zunächst Standard-Apps wie E-Mail, Kalender, Kamera oder Dateimanager. Sie sind sehr schön – wenn auch sehr farbenfroh – gestaltet. Musikhörer werden die App AudioFX schätzen lernen. Das ist ein Equalizer, mit dem sich der Klang der Musik für einzelne Ausgänge und Übertragungsformen einstellen lässt. Das Abspielen von Liedern ist auf diesem wie auch bei vielen anderen Androidgeräten einfach, da das Betriebssystem bis auf Aiff nahezu jedes Format abspielt.
Im täglichen Umgang zeigt das One Plus One einige kleine Schwächen. Steckt man das Gerät in seine Hosentasche und bewegt sich etwas, geht immer mal wieder die Taschenlampe an, weil das Gerät offenbar die Bewegung des Oberschenkels als ein „V“ interpretiert. Auch kommt es vor, dass es aus dem Standby aufwacht, was normalerweise durch ein zweimaliges Klopfen auf den Bildschirm ausgelöst wird. Ebenso spiegelt das Display draußen bei hellem Sonnenschein stark. Mit dem Empfangssignal des 3G-Moduls waren wir ebenso unzufrieden. Der Kollege mit seinem iPhone auf dem Stuhl nebenan hatte mit dem gleichen Anbieter 3G-Empfang, während das One Plus One bei uns nur Edge anzeigte.
Einzelnen Apps mangelt es an Funktionalität. So ist „Kalender“ in bestimmten Ansichten sehr unübersichtlich gemacht, das Scrollen in der Twitter-App ist recht hakelig, in „Einstellungen“ gibt es einige strukturelle Ungereimheiten. Aufladen muss man das One Plus One zwar erst nach zwei Arbeitstagen, dafür braucht der Akku viele Stunden, wenn man das Gerät mit beiliegenden USB-Kabel und Rechner verbindet. Und letztlich enttäuscht auch die Kamera. Sie kann Gegenstände in sehr hellen und dunklen Umgebungen nicht zufriedenstellend abbilden. Die Fotos wirken häufig blass. Diese Schwäche wie auch die unkontrollierte Gestensteuerung im Standby-Modus soll nun ein Update beheben, das OnePlus diese Woche angekündigt hat.
Das One Plus One ist dennoch ein attraktives Oberklasse-Smartphone, weil der Preis über die kleinen Schwächen hinwegsehen lässt. Bei der Benutzeroberfläche wollten die Entwickler zu viel. CyanogenMod ist zwar größtenteils sehr hübsch aufbereitet, aber ästhetisch nicht konsequent aufgebaut. Die Konkurrenz von Meizu hat dies besser im Griff, weil man beim MX3 mehr Wert gelegt hat auf die einfache Bedienbarkeit statt auf schillerndes Design. Chinesische Smartphone-Hersteller sind eben doch sehr unterschiedlich. Dem Markt tut das gut.
