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LBBW-Chefvolkswirt im Parkettgespräch: „Der Euroraum ist anfällig“

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Zwar hält Uwe Burkert, Chefvolkswirt bei der LBBW, die gegenwärtig düstere Stimmungslage an den Finanzmärkten für überzeichnet. Trotzdem sei der Euroraum momentan sehr fragil und die Anleger nervös.

Dass nur geringe zusätzliche Belastungen ausreichen, um den Euroraum in eine neue Abwärtsspirale abstürzen zu lassen, ist nach Ansicht von Uwe Burkert in den vergangenen Wochen wahrscheinlicher geworden. Doch der Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) teilt die zeitweise düstere Stimmungslage an den Finanzmärkten nicht ganz, weil diese Gefahr seiner Ansicht nach ein Stück weit überzeichnet wird. So hält er die Auswirkungen des Sanktionswettlaufs zwischen Russland und dem Westen für die Wirtschaft in Deutschland sowie im Euroraum für verkraftbar. Trotzdem stellt er fest: „Die Risiken für die Konjunktur und die Chancen auf weitere Gewinne am Anleihemarkt wachsen.“

Die jüngsten Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bestätigen dies. In Deutschland schrumpfte die Wirtschaft, und in Frankreich stagnierte sie. „Das konjunkturelle Negativszenario ist wahrscheinlicher“, sagt Burkert. Dies habe schon die Abwärtstrends am Aktienmarkt beschleunigt. Der Dax sank Freitag vor einer Woche sogar unter die Marke von 9000 Punkten. Anleger schichten ihre Mittel in die wieder als sicherer Hafen geschätzten Bundesanleihen um. Die Kursgewinne der Bundesanleihen sollten laut Burkert für weiter nachhaltig sinkende Renditen sorgen. Nach den enttäuschenden BIP-Zahlen sank die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe am Donnerstag erstmals unter die Marke von 1 Prozent. „In diesem Szenario dürften weiter sinkende Eurolangfristzinsen indirekt auch anhaltenden Abwärtsdruck auf die Anleiherenditen in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien ausüben, selbst wenn die Perspektive einer Leitzinswende im kommenden Jahr für die angelsächsischen Länder intakt bleibt“, erwartet Burkert. Aus Sicht international agierender Investoren erhöhten die extrem niedrigen Renditen im Euroraum die relative Attraktivität von Anlagen im Dollar und im britischen Pfund.

Für Burkert ist die amerikanische Wirtschaft so stark und robust, dass sie der Notenbank Federal Reserve (Fed) keine andere Wahl lässt, als die Leitzinswende früher einzuleiten als derzeit am Markt erwartet. Die jüngsten Arbeitsmarktdaten sind gemischt ausgefallen. Die schwachen Zahlen zum Lohnwachstum haben laut Burkert den Druck von den Verfechtern einer Niedrigzinspolitik in der Fed genommen, ihre Position zu ändern. In dieser Woche deuten aber die Zahlen zu den offenen Stellen auf eine Stabilisierung des Arbeitsmarktes. Die 4,7 Millionen offenen Stellen im Juni sind der höchste Stand seit 13 Jahren. Das verstärkt die Erwartung einer geldpolitischen Straffung. Nach einer aktuellen Umfrage von Merrill Lynch, der Investmentbank der Bank of America, erwarten zwei Drittel der 224 befragten Fondsmanager eine Leitzinserhöhung in den Vereinigten Staaten noch im ersten Halbjahr 2015. In Großbritannien wird ein solcher Schritt der Bank von England zum Teil schon in diesem Jahr erwartet.

Angespannte geopolitische Lage verunsichert Unternehmen

Nach Ansicht von Burkert tragen auch die geopolitischen Risiken wie der Konflikt in der Ukraine dazu bei, dass das Ende der Fahnenstange bei den Anleiherenditen noch nicht erreicht sei. Doch mit Sorge blickt er auf die konjunkturelle Lage in den Euroländern. „Dass die Grundverfassung der Wirtschaft im Euroraum angesichts der Belastungen aus Finanz- und Schuldenkrise deutlich schwächer und anfälliger ist als jene Amerikas, ist inzwischen fast schon Folklore.“ Jedoch nährten die jüngsten Konjunkturdaten die Befürchtung, dass selbst die vorsichtigen Zeichen der vergangenen Monate, die einen konjunkturellen Frühling erwarten ließen, eine zu optimistische Sicht der Dinge vermittelt haben könnten.

Die Zahlen zur Industrieproduktion im Juni bestätigen Burkerts Sicht. Sie schrumpfte im Euroraum zum Vormonat um 0,3 Prozent. Schon im Mai war ein Rückgang von 1,1 Prozent verzeichnet worden. Den Rückgang der Wirtschaftsleistung Italiens im zweiten Quartal wertet Burkert „schon fast als Fanal“, zumal diese Enttäuschung auf eine ebensolche im Auftaktquartal folgt. Mit Italien befindet sich die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone in der Rezession. Aber auch in den beiden wichtigsten Ländern sieht es schlecht aus: Frankreichs Regierung musste ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr auf 0,5 Prozent halbieren. „Zu allem Überfluss verstärkt sich auch noch der Strom wenig erfreulicher Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft und stellt damit die Zugkraft der bisherigen Konjunkturlokomotive in Frage“, gibt Burkert zu bedenken. Als Ursache dafür verweist er auf die Verunsicherung der Unternehmen durch die angespannte geopolitische Lage. Denn Investitionsvorhaben würden geprüft oder aufgeschoben.