Wirtschaft

Moskau lässt nur noch Kindernahrung ins Land

• Bookmarks: 12


Russlands Führung verbannt viel mehr ausländische Lebensmittel als gedacht. Umgehend. Und warnt die Einzelhändler vor höheren Preisen. Eine Analyse.

Das Ausmaß, indem Russland den von Präsident Wladimir Putin angeordneten Importstopp für westliche Agrargüter und Lebensmittel anwenden will, übersteigt die Erwartungen vieler Beobachter enorm. Wie der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew ausführte, werden Produkte aus der Europäischen Union, den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und Norwegen würden ab sofort gesperrt.

Betroffen sind Rindfleisch und Schweinefleisch, ferner Früchte und Gemüse sowie Geflügel, Fisch, Käse und Milch. Das umfasst den absoluten Großteil aller Agrarimporte aus diesen Ländern. Ausgenommen ist lediglich Kindernahrung. Der Einfuhrstopp könne nach Medwedews Worten überdacht werden, wenn die westlichen Länder, die ihrerseits Sanktionen gegen Russland verhängt haben, eine aus seiner Sicht „konstruktivere“ Haltung einnehmen.

Nach russischen Zollangaben führte das drittgrößte Schwellenland im vergangenen Jahr Lebensmittel und Agrargüter im Wert von 43 Milliarden Dollar ein, rund 13 Prozent seiner gesamten Importe. Von diesen Agrareinfuhren kam wiederum ein Großteil aus der EU, deren Umsatz mit Agrarexporten nach Russland sich 2013 auf umgerechnet knapp 16 Milliarden Dollar belief. Die Anteile der anderen sanktionierten Länder sind weitaus geringer, gleichwohl ergeben sich in einzelnen Sektoren deutliche Ausschläge: Rund ein Drittel seines importierten Fisches bezieht Russland aus Norwegen, für die Vereinigten Staaten ist Russland der zweitwichtigste Exportmarkt für Geflügel.


Warum tut die Regierung das?


Trifft Putins Bann auch deutsche Marken?


Wie wichtig ist der russische Markt für die deutsche Agrarindustrie?


Was wird nach Russland geliefert?


Was macht Europa jetzt mit den Lebensmitteln?


Schneidet sich Russland nicht ins eigene Fleisch?


Gefährdet die Sanktionsspirale den Aufschwung?


Wie können sich Unternehmen schützen?


Die Schätzungen über die Abhängigkeit des russischen Handels und der verarbeitenden Industrie von Agrarimporten variieren: Laut Wirtschaftsministerium machen Importe bis zu 30 Prozent des Umsatzes im Lebensmittelhandel aus- hinzu kommt die Einfuhr von Vorleistungen. Manche Schätzungen führen die Hälfte des russischen Lebensmittelangebots auf Importe zurück.

Für die bereits hohe russische Teuerung ist der Einfuhrstopp eine reale Gefahr. Die Inflation beträgt schon jetzt 7,5 Prozent und liegt damit weit oberhalb der von der Notenbank angestrebten Höchstgrenze von 6 Prozent. Wie Analysten der Alfa Bank ausführen, hatte bereits die aus vorgeblich gesundheitlichen Gründen seit Jahresbeginn eingeschränkte Einfuhr von Fleisch (unter anderem ein Verbot von Schweinefleisch aus der EU) gravierende Folgen und führte dazu, dass die Fleischpreise im Juli 11 Prozent höher lagen als noch vor einem Jahr.

Die Regierung ist sich dieses Risikos offenbar sehr bewusst: Medwedjew warnte Einzelhändler am Donnerstag davor, wegen der Sanktionen die Preise zu erhöhen und sich an der Lage zu bereichern.

Präsident Putin hatte sein Dekret vom Mittwochabend, in dem er die Regierung anwies, Sanktionen auszuarbeiten, mit dem Schutz der nationalen Interessen Russlands begründet. Wie tragfähig diese Argumentation vor der Welthandelsorganisation (WTO), deren Mitglied Russland erst seit dem Jahr 2012 ist, darf bezweifelt werden.

Begründet wird die Maßnahme nämlich ganz offen mit einer protektionistischen Förderung der russischen Landwirtschaft, deren Aufgabe nun von einem Tag auf den anderen deutlich grösser wird. In der Vergangenheit ist die Branche den Wünschen der heimischen Konsumenten nicht immer gerecht geworden, was sich an deren Vorliebe für (oft nicht billige) Importprodukte zeigte.

Mehr zum Thema

Russland droht allerdings nicht nur Streit vor der WTO: Regierungschef Medwedew bekräftigte ebenfalls, Moskau denke darüber nach, den russischen Luftraum für Fluggesellschaften aus Europa und Amerika zu sperren oder zumindest einzuschränken. Diese Option sei aber nur auf dem Tisch und eine Entscheidung noch nicht gefallen. Gegen ukrainische Carrier soll der Schritt jedoch bereits angewandt werden.