
Zeig mir deine Megapixel: Ist das Nokia Lumia 930 noch ein Telefon oder schon eine Kamera? Eines steht jedenfalls fest. Es ist das derzeit beste Windows Phone.
Nach dem Ausflug ein Blick auf die Fotos: Es hat sich gelohnt, die Aufnahmen überzeugen jeden. Dass sie mit einem Smartphone geschossen wurden, spielt keine Rolle, auch die Festbrennweite von 26 Millimeter ist kein Problem, zumal man bei der hohen Auflösung etliche Reserven für Zoom und Nachbearbeitung hat. Das Lumia 930 der nunmehr im Hause Microsoft wohnenden Tochter Nokia ist das Foto-Smartphone des Jahres, es erreicht in den beiden höchsten Auflösungsstufen 5376 × 3024 Pixel (16,3 Megapixel) oder 4992 × 3744 (18,7 Megapixel) im klassischen 4:3-Format. Die Kamera ist das spektakulärste Detail des großen (13,7 × 7,1 × 1 Zentimeter) und 167 Gramm schweren Boliden. Sie ist kaufentscheidend und stellt die Konkurrenz in den Schatten, vor allem bei schlechten Lichtverhältnissen.
Wie schon bei den Vorgängermodellen wird jedes Foto doppelt gespeichert. Einmal kompakt mit 5 Megapixel im JPG-Format und zum anderen in der höchsten Auflösung, wahlweise als JPG oder im DNG-Rohdatenformat, das eine professionelle Weiterbearbeitung in anderen Programmen erlaubt. Viele hochwertige Nokia-Apps unterstützen den ambitionierten Fotografen, und wer lieber filmt, darf sich über 1080p-Videos freuen, deren Ton mit gleich vier eingebauten Mikrofonen aufgezeichnet wird. Unbefriedigend ist allein die lange Zeit, die bis zum Start der Kamera, dem Scharfstellen des Autofokus und dem Speichern der Aufnahmen vergeht. Schnappschusstauglich ist das Lumia 930 nicht.
Weitere Finessen zeigen aber dann wieder in Richtung Oberklasse: Die draußen gut ablesbare Amoled-Anzeige erstreckt sich über eine Diagonale von 5 Zoll und löst nun mit Full HD auf, und das ganz neue Windows Phone 8.1 unterstützt die erweiterte Darstellung, indem bis zu drei Kachelreihen nebeneinander dargestellt werden.
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Die weitere Ausstattung mit dem Mobilfunkturbo LTE, der Nahfunktechnik NFC, dem kabellosen Ladestandard Qi und einem integrierten Fitness-Sensor (wie im iPhone 5S) ist überzeugend. Der Laufwerksschacht für die Nano-Sim-Karte lässt sich ohne zusätzliches Werkzeug mit dem Fingernagel öffnen, und die Verarbeitungsqualität mit Aluminium-Body, Gorilla Glas 3 für die Oberseite und Polycarbonat rückseitig ist einwandfrei. Vorder- und Rückseite sind ein wenig „bauchig“, und das Display-Glas scheint geradezu in den Rahmen zu fließen. So fühlt sich das Gerät nahezu perfekt an, störend wirken die für unseren Geschmack scharfen Kanten der Seitentasten rechts.
Ferner lässt sich weder der eingebaute Akku selbst wechseln noch der 32 Gigabyte fassende Speicher mit Micro-SD-Karten erweitern. Auch fehlt die permanente Anzeige wichtiger Ereignisse im Ruhemodus bei dunklem Display. Der Akku schafft im Praxiseinsatz gut einen Tag, wir hatten uns mehr versprochen, zumal ja Windows Phone als sehr genügsames Betriebssystem gilt. Nur mittelmäßig sei der Mobilfunkempfang, heißt es bei Fachzeitschriften mit Labor, wir können das nachvollziehen.
Das neue Nokia-Smartphone wiegt 167 Gramm
Windows Phone 8.1 übernimmt von Apple und Google eine obere Statusleiste, in der sich frische E-Mails oder Twitter-Meldungen auf einen Blick ablesen sowie Bluetooth und W-Lan ein- und ausschalten lassen. Als neue Sprachassistentin will Cortana eine Konkurrenz für Apples Siri und Google Now sein, sie funktioniert derzeit aber nur, wenn man sein deutsches Gerät auf amerikanische Einstellungen umschaltet. Cortana arbeitet dann ordentlich und kommt mit einigen Finessen, die man bislang bei den Rivalen noch nicht gesehen hat. Mit Swype und der Buchstabenmalerei wird die Bildschirmtastatur erweitert, die Suchfunktion ist besser geworden, es gibt nun VPN-Verbindungen für den Business-Einsatz.
Das Mix Radio mit Hunderten von Musikkanälen, die man unentgeltlich hören und (in begrenzter Zahl) zur Offline-Nutzung im Gerät speichern kann, hat uns viel Spaß gemacht, und zwei alte Stärken der Nokias leben auch in diesem Gerät fort: die Here genannte Navigation, deren Karten sich ebenfalls im Gerät speichern lassen, so dass man im Ausland eine Routenführung ohne Roaminggebühren erhält. Vor dem Flug nach London lädt man das Kartenmaterial für ganz Großbritannien, und mit der im Paket enthaltenen „Here Transit“-Reiseplanung für öffentliche Verkehrsmittel ist der fremden Großstadt gleich der Schrecken genommen.
Vorder- und Rückseite sind ein wenig „bauchig“, und das Display-Glas scheint geradezu in den Rahmen zu fließen
Der Kalender hat manche Verbesserung erfahren, die zugehörige Kachel auf dem Startbildschirm zeigt jedoch dummerweise nur den nächsten Termin an – und nicht mehr. Während alles Mögliche fortwährend online ist und live aktualisiert wird, ist man bei einer der wichtigsten Business-Funktionen gekniffen. Sehr ärgerlich und deutscher Gesetzgebung zuwiderlaufend ist ferner der Versand von Werbe-E-Mails an das zugehörige Microsoft-Konto nach der Einrichtung. Wir hatten uns bereits mehrfach abgemeldet, anscheinend nimmt sich aber Microsoft mit der Inbetriebnahme eines neuen Windows-Phone-Geräts das Recht heraus, seinen Spam abermals auf den Weg zu bringen.
Alles in allem lässt sich ungeachtet der kleinen Ärgernisse festhalten, dass die Lumias angekommen sind. Man kann sich für Windows Phone so entscheiden wie für einen Androiden oder ein iPhone. Wer unvoreingenommen ein gutes Smartphone mit erstklassiger Kamera sucht, darf zugreifen. Das Lumia 930 ist das derzeit beste Windows-Gerät, es kostet um die 500 Euro, und der Preis ist angesichts der hohen Verarbeitungsqualität angemessen.
