
Fans von digitalen Spiegelreflexkameras dürfen sich auf einen ziemlich pfundigen Apparat freuen: Canon hat die Powershot G1 X aufgebohrt. Sie soll sowohl Profis als auch Amateure überzeugen.
Fangen wir mit dem an, was die Bekannten auf die Formel brachten: „Und was ist an der nun so teuer?“ Ein Straßenpreis (der heute ja eigentlich Versandhandelspreis heißen sollte) von 770 bis knapp 800 Euro für eine Kompaktkamera? Eine, die, weil etwas niedriger, kaum imposanter wirkt als andere Powershot-G-Modelle von Canon wie etwa die G16, was ist an dieser G1 X Mark II Besonderes dran? Kurz gesagt: das, was drinsteckt.
Zu allererst wäre der Sensor zu nennen, ein Anderthalb-Zoll-CMOS (18,7×14 Millimeter). Er hat zwar nicht die gleiche effektive Fläche wie ein APS-C-Sensor. Aber seine Fläche ist etwa doppelt so groß wie die eines Ein-Zoll-Sensors und misst das 5,7fache dessen, was ein in vielen Kompaktkameras zum Einsatz kommender 1/1,7-Zoll-Sensor zu bieten hat. Nicht nur die schiere Fläche zählt: Der Sensor liefert 12,8 Megapixel große Bilder (im Seitenverhältnis 3:2), und jedes Sensorelement ist 4,5 Mal so groß wie die auf dem Sensor der G16.
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Auf größere Sensorelemente fällt mehr Licht, die Empfindlichkeit, sprich die Ausbeute steigt, das Bildrauschen fällt geringer aus, und es lässt sich ein höherer Dynamikumfang bewältigen. Schließlich kann der Sensor auch im Seitenverhältnis 4:3 bei gleicher effektiver Brennweite 13,1 Megapixel große Bilder aufnehmen. Canon spricht von „Fotos und Full-HD-Movies in DSLR-ähnlicher Qualität“. Das lässt sich unterschreiben: Mit einer Spiegelreflexkamera der Einsteiger- oder Mittelklasse, die einen APS-C-Sensor haben, kann die G1 X Mk. II wirklich mithalten.
Dazu gehört selbstverständlich eine entsprechende Optik. Die ist hier ein im Ruhezustand von einem Lamellenvorhang abgedecktes, flott in Arbeitsstellung fahrendes Fünffach-Zoomobjektiv, das bei Anfangslichtstärken von 1:2-3,9 den Kleinbildbrennweiten von 24 bis 120 Millimeter entspricht. Die G1 X Mk. II hat eine Bildstabilisierung, die um fünf Achsen reagiert, und ihr Benutzer kann selbstverständlich auch zusätzlich digital zoomen. Das Objektiv hat eine Naheinstellgrenze von fünf Zentimeter- die Irisblende erzeugt mit neun Lamellen nahezu vollkommen runde Öffnungen und damit schöne Unschärfekreise.
Vierzehn Linsen mit drei beidseitigen Asphären in elf Gruppen aufgebaut, das bringt zusammen mit dem Metallgehäuse und dem dummerweise auch verkehrtherum einsteckbaren kleinen Akku betriebsbereit etwas mehr als ein Pfund auf die Waage. Diese 550 Gramm liegen zwar wuchtig, aber untadelig handlich in der Rechten. Dazu trägt der angesetzte und teilweise gummierte Griffbuckel der bei uns vertriebenen „Enhanced Grip Edition“ genauso bei wie das für uns wurstfingrige Langnasen ein wenig zu klein geratene Daumenpolster an der Rückseite entscheidend bei. (In anderen Bereichen der Welt wird die G1 X Mk. II mit einem kleineren Frontgriff vertrieben.)
Kontaktaufnahme über W-Lan oder Nahfeldkommunikation
Den Objektiv-Tubus umgeben zwei, auch blind sehr gut voneinander unterscheidbare Drehringe- der eine rastet, der vordere schmalere tut das nicht, beide trennt ein glatter Zwischenraum, der eigentlich Teil des vorderen Rings ist. Sie erübrigen irgendwelche Drehrädchen am Gehäuse und sind vom Benutzer konfigurierbar. Man kann mit ihnen zoomen, manuell fokussieren oder flink Blende und Verschlusszeit verändern. Das funktioniert unverändert praktisch, ganz gleich, ob man die Kamera am Auge hat, weil ihr ein elektronischer Sucher aufgesteckt wurde oder nicht. Der Monitor ist ein drei Zoll messender, bis nach vorn für Selfies umklappbarer, jedoch nicht seitlich drehbarer Touchscreen mit rund einer Million Bildpunkten.
Dass die Kamera neben zwei Vollautomatiken Programmbelichtung, Blenden- und Zeitvorwahl sowie vollmanuellen Betrieb mitbringt, versteht sich genauso wie ihre Motivprogramme, die Digitalfilter oder die Fähigkeit, Raw-Aufnahmen zu speichern. Neu ist, dass der schneller als die Erstauflage der G1 X scharfstellende Autofokus nun 31 Felder statt 9 anmisst. Und ebenfalls neu ist die Möglichkeit, über W-Lan oder die Nahfeldkommunikation NFC – unter einem vom Benutzer zu vergebenden „Geräte-Nickname“ für die Kamera – Kontakt aufzunehmen: nicht nur, um schöne Bilder in die weite Welt zu posten, sondern auch, um umgekehrt vom Smartphone aus über eine Distanz von etwa fünf Meter die G1 X Mk. II fernzusteuern.
Die wirklich schönen Bilder, die mit dieser Kamera gelingen, das ist der eine Aktivposten der Zweitauflage der Powershot GX 1. Dass sie unbesorgt mit solchen gemischt werden können, die mit einer DSLR entstanden, das soll Profis und anspruchsvolle Amateure überzeugen. Dass die Bedienung des G-Topmodells wie bei der Eos-Familie aufgebaut ist, hat zwei Dimensionen: Wer eine Eos hat, braucht sich nicht umzugewöhnen. Und wer noch keine hat, weil er sich an keine traut, kann schon mal ein bisschen trainieren.
