
Unzählige Menschen könnten jedes Jahr vor einem Hirnschlag bewahrt und Hunderte Millionen Euro Behandlungskosten vermieden werden. Woran es scheitert? An der Früherkennung und dem allzu laxen Umgang mit den nötigen Pillen.
Was sind diese Zahlen – ein Zeugnis des Scheiterns oder der Angst vor der Verschreibung und der Einnahme von Arzneimitteln? Eines zeigen sie auf jeden Fall: Wie groß das Potential von Ärzten und Patienten ist, sich selbst beziehungsweise die Patienten frühzeitig vor dem Schlimmsten zu bewahren. Fast 10.000 Menschen im Land könnten dem neuen Versorgungsreport der DAK vor einem Hirnschlag und damit vor dem Tod oder folgenschweren, kostenintensiven Behinderungen bewahrt werden, wenn die Ärzte und Patienten der Erkrankung, die den Schlaganfall auslöst, konsequenter begegnen würden.
Es geht um das Vorhofflimmern. Etwa 1,5 Millionen Menschen leiden daran, bei einem Drittel allerdings wird die gestörte Erregungsleitung im Herzvorhof nicht entdeckt. Und selbst von denen, bei denen das Vorhofflimmern entdeckt wird, wird nur die Hälfte mit den wirksamsten Medikamenten, den gerinnungshemmenden oralen Antikoagulantien, behandelt.
Im Jahr 2012 wurden laut Statistik 302.000 Schlaganfall-Patienten in deutschen Krankenhäusern behandelt, 240.000 mussten auf Station bleiben. Vor allem jene Patienten, die mehr als einen Hirninfarkt erlitten haben, müssen an ihren Folgebeschwerden, oft mehrfachen Behinderungen, leiden, und auch die Kassen müssen Federn lassen. Statistisch gesehen kostet jeder der Schlaganfallpatienten für die Restzeit des Lebens rund 43.000 Euro.
Schlaganfall-Symptome und Risikofaktoren
Viele dieser Schlanganfälle liessen sich der Gesundheitsstudie zufolge rechtzeitig verhindern. Ein Mensch mit Vorhofflimmern hat ein vier- bis fünfmal so hohes Risiko für einen Hirnfarkt. Und hier setzt der Report an. Wenn nicht zwei Drittel, sondern vier von fünf dieser Risikopatienten von den Ärzten bei Untersuchungen erkannt und richtig behandelt würden, könnten zumindest rechnerisch gut 9400 Schlaganfälle verhindert werden. Weitere 500 kommen bei Patienten mit einem Beinahe-Schlaganfall hinzu. Im Jahr kommen etwa 83.000 Menschen mit einer solchen Verstopfung der Hirngefässe ins Krankenhaus, die sich normalerweise von selbst wieder zurück bildet. Oft setzen die Ärzte oder der Patient selbst schon wenige Monate nach dem Beinahe-Schlaganfall die Blutverdünner ab, was die Gefahr eines Schlaganfalls wieder deutlich ansteigen lässt.
Die Behandlung der rund zehntausend vermeidbaren Schlaganfälle kostet die Kassen gerechnet rund 430 Millionen Euro. Um das zu vermeiden müssten für rund 340 000 medikamentös schlecht versorgte Patienten mit Vorhofflimmern Therapiekosten mit preiswerten Vitamin-K-Antagonisten in Höhe von gut 31 Millionen pro Jahr angesetzt werden. Unter dem Strich, also netto, würden die Krankenkassen laut DAK-Report deutlich sparen.
Versäumnisse gibt es dabei keineswegs nur auf Seiten der Ärzte und Kliniken. Schon lange wird beklagt und ist durch Studien belegt, dass viele Patienten ihre Vorerkrankungen nicht ernst genug nehmen. Sie lassen die Therapietreue vermissen und ihre Medikamente fahrlässigerweise in der Schublade liegen. Bei den Kassen sind deshalb verschiedene Pilotstudien angelaufen, beispielsweise durch Telemonitoring die Bereitschaft zur regelmäßigen Einnahme von Pillen und zur körperlichen Vorbeugung zu verbessern.
