
Unkenntliche Opfer, nicht auffindbare Leichen. Straftaten und Katastrophen lassen Hinterbliebene hoffnungslos zurück. Die DNA-Analytik funktioniert. Rätselhaft, warum sie in vielen Ländern nicht genutzt wird.
Genetik dient nicht nur den Lebenden, sondern auch den Toten. Ein genetischer Fingerabdruck kann den Opfern von Krieg, Völkermord, politischer Verfolgung und Katastrophen ihren Namen, ihre Identität und ihre Leidensgeschichte zurückgeben. Dafür genügen winzigste Gewebespuren. Obwohl heute weltweit Einigkeit darüber besteht, dass Opfer von bewaffneten Konflikten und Katastrophen identifiziert werden müssen, fehlt vielen Ländern das Geld dazu. Das zeigte sich auf eindrückliche Weise im vergangenen Jahr in Bangladesch. Beim Kollaps einer Kleiderfabrik wenige Kilometer nördlich der Hauptstadt Dhaka kamen im April 1127 Textilarbeiter ums Leben. Bis zum Herbst waren die meisten Opfer noch nicht identifiziert, und dort, wo den Familien ein Leichnam zugestellt worden war, war es oft der falsche.
Dass bei der Identifizierung von Opfern Unterschiede gemacht werden, zeigen auch andere Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit. Es wurden große Anstrengungen unternommen, die Toten des Terroranschlags vom 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York zu identifizieren. Die internationale Staatengemeinschaft hat sich auch intensiv bemüht, den Opfern von Srebrenica einen Namen zu geben. Im BosnienKrieg waren achttausend muslimische Männer und Jungen von fanatischen Serben in der UN-geschützten Enklave Srebrenica ermordet worden. Diese Hinrichtung war das größte Massaker in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Tsunami im Indischen Ozean vor zehn Jahren wurden vor allem die Toten in Thailand identifiziert, weil dort viele Touristen ums Leben gekommen waren und deren Herkunftsländer auf die Identifizierung ihrer Landsleute drängten. Den über 165 000 Tsunami-Opfern in Indonesien wurde dagegen weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Nach dem Erdbeben in Haiti 2010 hatten die ausländischen Helfer nur ein Mandat: die Leichen ihrer eigenen Landsleute zu bergen. Sie hatten kein Mandat, die einheimischen Behörden dabei zu unterstützen, die toten Haitianer zu identifizieren.
Keine Gewerkschaft, kein internationales Recht schütze die Arbeiterinnen von Rana Plaza.
Jay D. Aronson von der Carnegie Mellon Universität im amerikanischen Pittsburgh fordert formale internationale Strukturen, die allen Opfern weltweit einen fairen und einheitlichen Zugang zur Feststellung ihrer Identität gewähren, unabhängig von ihrer Nationalität und dem Ort der Katastrophe oder des bewaffneten Konflikts. Aronson und seine Kollegen haben vor einiger Zeit in „Science“ klare Vorgaben gemacht, wie solche Strukturen aussehen müssten (10.1126/ science.1238085). Sie schlagen vor, dass entweder eine einzelne internationale Organisation ein entsprechendes Mandat erhält oder dass ein weltweites Netzwerk aus dezentralen Einrichtungen installiert wird. Wichtiger als die Organisationsform ist für Aronson und seine Kollegen aber, dass die betrauten Einrichtungen gründlich und fair arbeiten, dass sie die für Vergleichszwecke nötigen genetischen Fingerabdrücke der Angehörigen vor dem Zugriff Dritter schützen und dass die Ergebnisse der forensischen Analysen auch vor Gericht verwertbar sind, damit Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen auch geahndet werden können.
