
Eine neue Studie legt den Verdacht nahe, dass ein hoher Body-Mass-Index bei Herzleiden schützend wirken könnte. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Während sich die Übergewichts-Epidemie weltweit Bahn bricht, rätseln Wissenschaftler über ein Phänomen, das die bisherigen Erkenntnisse auf den Kopf zu stellen scheint. Zwar bestehen nach wie vor keine Zweifel daran, dass starkes Übergewicht etlichen Krankheiten den Weg bereitet. So begünstigt es nachweislich die Entstehung von hohem Blutdruck, Störungen des Fettstoffwechsels und Diabetes – Risikofaktoren, die, insbesondere wenn sie gemeinsam auftreten, die Gefäßalterung gleichsam im Zeitraffer ablaufen lassen. Die beschleunigte Arterienverkalkung ist auch ein Grund, weshalb Personen mit großer Leibesfülle vermehrt an Herzinfarkten und anderen arteriosklerotisch bedingten Herzkreislaufleiden erkranken. Das Paradoxe ist gleichwohl: Sind sie erst erkrankt, kommt ihnen eine gute Fettpolsterung offenbar zugute. Jedenfalls legen die Ergebnisse etlicher epidemiologischer Erhebungen den Schluss nahe, dass dicke Herzkranke seltener tödlichen Komplikationen erliegen als schlanke. Die Wissenschaftler sprechen daher auch von einem Adipositas-Paradoxon. Ob dieses tatsächlich existiert, lässt sich allerdings noch nicht mit Sicherheit sagen. Denn die bisherigen Untersuchungen waren entweder zu klein oder aus methodischen Gründen nicht in der Lage, eine Laune des Zufalls oder andere Störeinflüsse auszuschließen.
Buchstäblich neue Nahrung erhält das Kuriosum nun von zwei neuen Erhebungen, deren Ergebnisse soeben in den „Mayo Clinic Proceedings“ (doi: 10.1016/j.mayocp.2014.04.020) veröffentlich wurden. Auf der Suche nach einschlägigen Belegen haben Wissenschaftler um Abishek Sharma von der State University in Brooklyn/New York die medizinische Fachliteratur nach Studien durchkämmt, in denen der Einfluss des Körpergewichts auf das gesundheitliche Schicksal von Patienten mit arteriosklerotischen Herzleiden verfolgt wurde. Dabei stießen sie auf 36 Studien, die ihren Anforderungen genügten und daher in ihre Meta-Analyse Eingang fanden. Die darin einbezogenen Probanden, mehr als 200000 Männer und Frauen mittleren Alters, hatten sich alle einer Gefäßbehandlung am Herzen unterzogen. Im Verlauf von eineinhalb bis zwei Jahren waren dann knapp dreitausend der Patienten verstorben, die meisten an einem Infarkt oder einem anderen Herzkreislaufleiden. Patienten, die sich am unteren Ende der Gewichtsskala befanden, ereilte ein solches Schicksal aber weitaus häufiger als Normalgewichtige. Noch seltener betroffen waren hiervon die Dicken, und zwar unabhängig davon, wie viele überflüssige Pfunde sie auf die Waage brachten.
Wie viel Fett, wie viel Magermasse?
Die Erkenntnisse der amerikanischen Forscher hinterlassen allerdings mehr Fragen als Antworten. Offen bleibt insbesondere, in welchem Gesundheitszustand sich die einzelnen Teilnehmergruppen befanden. Nicht ausschließen lässt sich nämlich, dass die Dünnen gebrechlicher waren als die Fülligen und krankheitsbedingt weniger verzehrten. Mäßige Aussagekraft besitzt darüber hinaus der von den Forschern verwendete Body-Mass-Index, der Quotient aus dem Körpergewicht und der Körpergröße zum Quadrat. Dieser kurz BMI genannte Parameter, der gemeinhin zur Unterscheidung zwischen Dünn und Dick genutzt wird, erlaubt nämlich keine Rückschlüsse auf die Zusammensetzung des Körpers, also wie viel Fett und wie viel Magermasse dieser enthält. Lediglich übermäßige Speckpolster können der Gesundheit aber zusetzen, nicht hingegen kräftige Muskeln und Knochen.
