
Die Models von Yves Saint Laurent marschieren zu Rockmusik in die Zukunft, Dior Homme zeigt hervorragende Schneiderei und Kim Jones macht für Louis Vuitton seine bisher beste Schau. Die Pariser Modewoche lässt Männer blühen.
Eine der wenigen Erfolgsgeschichten der deutschen Mode kann man Saison für Saison in einer kleinen Seitengasse im Kunstviertel Marais besichtigen. Seit Jahren mietet dort Stephan Schneider zur Modewoche eine Galerie. Der Duisburger Designer, der jahrelang Professor an der Universität der Künste in Berlin war, lebt in Antwerpen. Seine Mode wird in alle Welt verkauft, nach Tokio, New York, München, Berlin. Mit seiner neuen Kollektion hat er nun sogar die schwersten Türen in London geknackt.
Es gibt ihn nun im trendsetzenden Laden Dover Street Market, bei den traditionellen Avantgardisten von Brown’s und bei LNCC, zur Zeit einem der einflussreichsten Läden der Welt. Wie schafft dieser Mann das nur? Stephan Schneider ist nicht überkandidelt, nicht im Leben und nicht in der Mode. Das passt zu den schlichten Männer-Looks, die vergangene Woche von Miuccia Prada zum Trend gemacht wurden. Seine Kraft liegt in den Stoffen, die er mit italienischen Webern selbst entwickelt.
Die so klaren wie komplizierten Schnitte beeindrucken auch den Fachmann. Ärmel haben bei ihm meistens keine Nähte, da sie nicht angesetzt werden, sondern aus einer Stoffbahn geschnitten sind. Für den nächsten Sommer lässt er den Mann verschiedene Stoff-Lagen tragen, zum Beispiel Dreiviertel-Leggings unter Shorts oder enganliegende Langarm-T-Shirts unter Hemden. „Meine Stoffe haben alle einen Basic-Look, sind dann aber luxuriös in der Hand“, sagt der Designer, der in dieser Saison auch Crêpe-Stoffe aus der Damenmode einsetzt.
Blassrosa und Hellgrün
„Das ist mir wichtig, da können auch Zara oder andere Kopierer nicht mithalten.“ Schneider verschreibt sich gerne einem Thema. In dieser Saison sind Farben und Drucke von Parfum-Flakons angeregt. So gibt es Hemden und Jacken in Blassrosa und Hellgrün. Apropos Damen: Bei Valentino werden die Haute-Couture-Ateliers in Rom und Paris eingesetzt, um Männermode zu machen.
Die ersten fünf Looks der Schau sind komplett von Hand gemacht. Besonders clever von den Designern Maria Grazia Chiuri und Pierpaolo Piccioli: Die Handarbeit setzen sie bei Sportswear-Teilen wie einer weißen und cremefarbenen Bomberjacke ein. Die besonders aufwendigen Drucke wie von Schmetterlingen und Blumen, die man schon aus den Valentino-Damen-Kollektionen kennt, laufen langsam anderen Häusern den Rang ab. So wird das ohnehin blühende römische Modehaus auch zu einer wichtigen Marke für Schals und Accessoires.
Raf Simons, der Vordenker der Männermode, hat mittlerweile viel bei Dior zu tun. Daher ist er bei seinem eigenen Label etwas außer Tritt geraten. Denn außer einem Schaulaufen seiner Lieblingsmotive als Fotoprints, aufgedruckt auf Matrosenkragen und übergroßen Sweatshirts, bringt die in Rotlicht gezeigte Kollektion nicht viel zustande. Oder sah man einfach nicht genug?
Wichtigster Designer der Welt
Rick Owens dagegen schickt sich dazu an, zu einem der wichtigsten Designer der Welt überhaupt zu werden. Sein leichter Gothic-Look, der dem Mann Shorts, Leggings und Lederjacken verschreibt, wird weithin kopiert. Aber nun widmet er sich dem Kleid für Männer, und es wirkt gar nicht unplausibel. Wenn man sich vor der Tür bei seinen Schauen umschaut, steht da mittlerweile eine Hundertschaft von Männern in seinen Kleidern, und es werden immer mehr.
Kim Jones hat seiner neuen Chefin Delphine Arnault eine große Freude mit seiner Kollektion für Louis Vuitton bereitet. Es war die wohl beste Kollektion, die er bisher gezeigt hat, kraftvolle Schneiderei mit sechsknöpfigen Zweireihern, tolle Details wie Gürtel aus camelfarbenem Leder, Epauletten an Trenchcoats in gleicher Machart und sagenhafte Streetwear wie orangefarbene Bomberjacken, die mit Schmuck wie kleinen Pfeilen am Revers veredelt wurden. Die Männermode von Louis Vuitton wird zum starken Bruder der Frauen – unter der Ägide von Marc Jacobs war das nicht so.
Apropos Couture für Männer. Das ambitionierte Projekt von Delphines Bruder Antoine Arnault, aus dem Stiefelmacher Berluti eine Modemarke zu machen, ist auf dem Weg. Der Pariser Schneider Arnys wurde gleich einmal aufgekauft. Damit machen nun 14 hochqualifizierte Schneider Anzüge, unter anderem für Kunden wie Pierre Bergé. Berluti-Designer Alessandro Sartori gönnt sich daher auch den Luxus, seine Laufsteg-Teile von Hand machen zu lassen. Die zweireihigen Mänteln und Blousons in einer männlichen Farbpalette von Beige über Oliv bis Braun wirken wunderbar leicht.
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Auch Kris Van Assche kennt den männlichen Körper – und misst für Dior Homme als hervorragender Schneider jeden Zentimeter ab. Seine dunkelblauen, gestreiften Opening Looks sind das beste, was Paris an Schneiderei zu bieten hat. Wenn allerdings ein Thema mit dem belgischen Designer durchbrennt, in diesem Fall ein handschriftliches Christian-Dior-Zitat als Druck für seine Hemden und Hosen, dann geht es schnell schief – diese Teile sind einfach zu casual.
So viele verschiedene Richtungen – da muss man auf die Aussage der Lanvin-Schau zu den echten Trends der Saison warten, denn die Designer Alber Elbaz und Lucas Ossendrijver haben etwas zu sagen. Hier wird jedes Outfit einzeln durchdacht und dann zu einem Ganzen zusammengefügt, nicht umgekehrt. Jeder Zentimeter Stoff ist verplant: Der Rücken einer Bomberjacke ist aus durchsichtigem Organza gemacht, die Ärmel aus Gabardine. Und am Revers baumelt allerlei Schmuck.
„Unser Kunde ist nicht nur jemand, der einen Chauffeur hat“, sagt Lucas Ossjendriver nach der Schau. „Er fährt auch mal Fahrrad. Die Stoffe müssen also alles mitmachen.“ Die Botschaft scheint auch Hedi Slimane zu hören, dessen schmale Models bei Yves Saint Laurent zum Takt von kalifornischer Rockmusik weiter in die Zukunft marschieren. Seine Ponchos und Parkas sind sogar ideal für Festivalbesucher in aller Welt.
