
Die Amerikanerin Christina Romer erforscht Weltwirtschaftskrisen. Ihr Rezept: Viel Geld ausgeben, damit die Wirtschaft wieder in Gang kommt. Aus unserer „Weltverbesserer“-Serie.
Für Wirtschaftshistorikerinnen wie sie schlägt die große Stunde genau dann, wenn sich Geschichte eben doch wiederholt. In gewöhnlichen Zeiten mögen die tiefen Einblicke in das, was längst vergangen ist, ein Fachpublikum verzücken. Die breite Masse interessiert sich nicht für das Vorgestern. Aber es waren keine gewöhnlichen Zeiten – und die wohl versierteste Wirtschaftshistorikerin der Vereinigten Staaten wurde dringend gebraucht. Das wusste Barack Obama, der frisch gewählte Präsident, zu dessen Amtsantritt im Januar 2009 die Finanzkrise wütete. Unmittelbar nach seinem Wahlsieg berief er die Hochschullehrerin Christina Romer an die Spitze seines ökonomischen Beraterteams (Council of Economic Advisers).
Fünf Jahre später ist Romers Ausflug nach Washington selbst schon wieder Geschichte. Man muss kein Historiker sein, um zu prophezeien, dass die 55 Jahre alte Forscherin als eine der einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftlerinnen ihrer Generation in die Geschichtsbücher eingehen wird. Zwar war der Realitätstest im Weißen Haus eine kurze und zum Teil ernüchternde Erfahrung für die Forscherin. Doch mit ihren Studien zur Großen Depression in Amerika und ihren daraus abgeleiteten Empfehlungen gehört sie zum Kreis der Ökonomen, die das theoretische Fundament für eine Wirtschaftspolitik lieferten, die nicht zurückschreckt vor gigantischen Konjunkturprogrammen, und denen die Geldpolitik in Krisenzeiten gar nicht expansiv genug sein kann.
Neo-Keynesianierin – aber keine reine Schuldenmacherin
Wer besser verstehen will, wie die Frau aus dem Bundesstaat Illinois es so weit gebracht hat, kommt an ihrem Ehemann, dem bekannten Wachstumstheoretiker David Romer, nicht vorbei. Seit mehr als drei Jahrzehnten sind sie ein Paar und weichen sich privat wie beruflich nicht von der Seite: Tür an Tür forschen sie an der kalifornischen Eliteuniversität Berkeley, ungezählte Arbeiten haben sie gemeinsam veröffentlicht. Und als David, nicht aber Christina, nach Harvard an die Tausende Kilometer entfernte Westküste berufen wurde, lehnte dieser dankend ab.
Fast wäre es wegen eines blauen Auges gar nicht zu dieser Beziehung gekommen. „Es war der erste Tag an der Graduiertenschule am MIT, als ich sie zum ersten Mal gesehen habe“, berichtet David Romer dieser Zeitung. Weil er beim Sport von einem Ball getroffen worden war, war sein Auge geschwollen. „Sie brauchte mehrere Wochen, um zu entscheiden, dass ich kein Rauhbein bin, sondern jemand, mit dem sie sich gerne unterhält“, erinnert sich Romer.
Offenbar lag seine heutige Frau Christina mit ihrer Entscheidung genau richtig – genau wie mit ihrem Entschluss, sich intensiv mit der „Great Depression“, der großen Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre, zu befassen. Romer hat diese Krise, in der viele Fachleute Parallelen zur Finanzkrise nach dem Untergang der Investmentbank Lehman Brothers erkennen, von ihren Anfängen bis zu ihren Ausläufern erforscht. Ihre zentrale Erkenntnis: Es war vor allem der expansiven Geldpolitik der amerikanischen Notenbank Federal Reserve zu verdanken, dass die schwere Rezession überwunden werden konnte.
