Audio & Video

100 Jahre Leica: Das Geheimnis einer Legende

• Bookmarks: 12


Vor hundert Jahren schrieb Oskar Barnack in sein Notizbuch: „Liliput Kamera, Patent Anm.“ Das war der Anfang des Welterfolgs Leica und eine Revolution für die Bildberichterstattung.

Mit dem Wort Legende ist es so eine Sache: Es meint ja nicht Mythos, Märchen oder Sage, es heißt schlicht „das, was vorgelesen werden soll“. Die immer und immer wieder, etwa zu den Klostermahlzeiten verlesenen Lebensgeschichten und Mirakel der heiligen Stifter waren die offizielle Lesart. Es ging nicht um kritischen Ansprüchen genügende Geschichtsschreibung, sondern Propaganda, wenn man so will, Formung der Sichtweise. In diesem Sinne ist die Leica (aus: Leitz Camera) ein – mehr als jeder andere – von Legenden umwobener Fotoapparat. Oder, wie gern verkürzend gesagt wird: eine Kameralegende.

Wie viele große Erfolge hat die Leica mehr als einen Vater und kann mehr als einen Geburtstag feiern. Mit Recht ließe sich in diesem Jahr der Sechzigste der M-Leica begehen. Das ist die Leica schlechthin, die in Gestalt der M3 1954 auf den Markt kam und „von vielen als die beste je gebaute Sucherkamera angesehen“ wird, um die „Sammler-Bibel“ von Dennis Laney zu zitieren. Zu den Kuriositäten, mit denen sich Leica-Fans stundenlang auf- und unterhalten können, gehört die Tatsache, dass der 29 Jahre nach der ersten Leica herausgebrachte Klassiker M3 die erste M-Leica mit Bajonett war, der dann eine M2 und dann die M1 folgten, bevor schließlich 1967 die M4 – sie ist die Favoritin des Verfassers – erschien.

Wenn die Leica Camera AG in diesem Jahr ihrer Rückkehr von Solms nach Wetzlar „100 Jahre Leica Fotografie“ feiert, dann geht das numerisch völlig in Ordnung. Schließlich hat der Konstrukteur Oskar Barnack mit seiner Liliputkamera in Wetzlar eine Straßenszene von zeitgeschichtlicher Bedeutung abgelichtet: Der gerade einberufene Hauptmann der Reserve Paul Osterwald in Uniform mit Pickelhaube unterhält sich mit einem Zivilisten, den ein Sommerhut und ein gepflegter weißer Bart zieren. Die beiden stehen vor einer Litfaßsäule, an der die Mobilmachung vom August 1914 plakatiert ist. Kein Zweifel: Hundert Jahre ist dieses Bild alt.

Neue Firmenzentrale Leica Camera AG Oskar Barnack mit der Ur-Leica 1914

Barnack, Jahrgang 1879, war ein unglaublich vielseitiger, pingeliger und in sich gekehrter Tüftler. Er hatte Landschaftsmaler werden mögen, aber Feinmechaniker gelernt. Von Zeiss in Jena kommend, trat er 1911 in die „Optische Werkstätte Ernst Leitz Wetzlar“ ein, wo er zunächst Meister der Versuchsabteilung der Mechanischen Werkstatt wurde. Leitz produzierte vorwiegend Mikroskope, Feldstecher, Projektoren und Fotoobjektive.

Barnack war ein begeisterter, sich aber wegen seines Asthmas mit der schweren Ausrüstung abplagender Hobbyfotograf. Schon längst spukten ihm Ideen für eine handliche Kamera nach dem Grundsatz „Kleines Negativ, großes Bild“ durch den Kopf. Nicht nur ihm: Den Wunsch, die Größe der Standbildkamera zu verkleinern, und die Idee, dafür den an den Rändern – für den Transport – perforierten Kinofilm zu nutzen, hatten auch andere. Barnack hat die Kleinbildfotografie nicht erfunden. Aber er hat mit seinen Entwicklungen die Grundlage dafür geschaffen, dass sich dank der Leica die – zunächst herablassend behandelte – Kleinbildtechnik durchsetzen konnte.

Barnack hatte großzügig freie Hand

Bei Leitz bekam Barnack – an sich unter anderem mit der Entwicklung einer Kinokamera und Mikroskop-Bauteilen beschäftigt – großzügig freie Hand für das, was er als „Eigenk…“ oder „Eig Co“ in seinem Werkstattbuch häufig vermerkte. Eine dieser „Eigenkonstruktionen“ war die Liliput Kamera. (Die, als sie schließlich elf Jahre später ein Produkt von Leitz wurde, nicht so heißen durfte, weil es schon 1914 eine faltbare Ernemann Liliput unter geschütztem Namen für das Planfilmfomat 4,5 × 6 Zentimeter gab.

Die Form, die Barnack für sein Kameragehäuse wählte und die heute noch als der letzte Schrei des Designs von digitalen Leicas beklatscht wird, folgte vollständig aus dem, was in der Ur-Leica passierte: Ein Stück Kinofilm wird von einer Spule auf der einen Seite hinter einem Schlitzverschluss auf eine zweite Spule auf der anderen Seite bewegt und auf diesem Weg belichtet.

Oskar Barnack - Das Industrie- und Stadtmuseum in Wetzlar zeigt in einer Ausstellung Bilder von Oskar Barnack, dem Erfinder der ersten Leica. Der Eisenmarkt in Wetzlar 1914 – wie Oskar Barnack ihn durch seine Liliput-Kamera sah.

Vielleicht die wichtigste der für den Erfolg grundlegenden Ideen des Konstrukteurs war die Wahl des Negativformats: In der Kinokamera wird der perforierte Film senkrecht bewegt. Das einzelne Bild hat das Format 18 Millimeter Höhe und 24 Millimeter Breite. Barnack ließ den Film horizontal transportieren- dabei wurde die Breite des Filmstreifens Grundlage der Höhe des Negativs, und seine Breite folgte aus dem als harmonisch empfundenen Verhältnis von 2:3. Ein Kleinbildnegativ – anfangs war von „Kleinfilmkamera“ und „-negativ“ die Rede – hatte demnach die Maße 24 × 36 Millimeter. Heute sagen wir, wenn es um den Sensor einer Digitalkamera geht, „Vollformat“ dazu.