
Auch bei dieser WM gibt es wieder dieses Phänomen. Der Nachbar jubelt schon, obwohl der Angriff noch läuft. Welche Übertragungstechnik der Fernsehbilder ist die schnellste?
Da schießt vor der Mattscheibe das Adrenalin ein: Müller steht am Elfmeterpunkt, der Schiedsrichter gibt den Ball frei. Wird er ihn reinmachen? Es wäre das erste Tor für die deutsche Nationalmannschaft. Und schon jubeln die Spielverderber von nebenan, denn sie sehen den Ball bereits im Netz zappeln. Nicht weil sie hellsichtig sind, sondern weil sie die Bilder auf dem schnelleren Übertragungsweg empfangen.
Seit die Digitaltechnik das Fernsehen dominiert, braucht der Weg vom Funkhaus zum Fernseher ein gewisses Quentchen Zeit. Das wäre nicht weiter tragisch, nicht einmal in Zeiten der Fußball-Weltmeisterschaft. Nur: Manche Übertragungswege haben das Zeug zur Überholspur, und das kann die Nachbarn gehörig nerven. Kurios genug: Über den längsten Sendeweg kommen die Bilder am schnellsten. Wir rechnen einmal vor: In den Playout-Centern von ARD und ZDF – die öffentlich-rechtlichen Sender bestreiten die Live-Übertragungen aus Brasilien – werden die bewegten Bilder zunächst nach den üblichen Kompressionsverfahren kodiert, also in MPEG-2 für Standard-Auflösung und in H.264 fürs HD-Raster.
Letzteres dauert ein bisschen länger, aber in etwa einer halben Sekunde hat die Elektronik auch diesen Job erledigt. Dann wird der resultierende Video-Datenstrom mit denen anderer Programme aus der Senderfamilie zu einem kanalfüllenden Multiplex verwoben – ein schneller Vorgang, der kaum Zeit in Anspruch nimmt. Der Multiplex tritt nun seine Reise zum Satelliten an, der ihn postwendend wieder zurückschickt. Die komplette Funkstrecke von 71 600 Kilometern legen die Signale in nur 0,6 Sekunden zurück. Ein paar Millisekunden braucht dann noch die Empfangselektronik im Fernseher oder in der Settopbox, aber summa summarum dauert die gesamte Satelliten-Übertragung vom Funkhaus bis zum Bildschirm nur zwischen 1,5 und 2 Sekunden.
Müsste nicht der terrestrische Weg vom Funkturm zur Mini-Antenne am Terrassen-Fernseher noch schneller gehen? Die Erfahrung scheint aller Theorie zu widersprechen: Über DVB-T lassen sich die öffentlich-rechtlichen Sender etwa 2 Sekunden mehr Zeit. Das liegt nicht etwa an der Programmzuführung zu den Sendemasten. Denn dazu haben ARD und ZDF ihre eigene, auf ultraschnelle Glasfaser- und Richtfunkstrecken gestützte Infrastruktur. Der Grund ist: DVB-T funkt in einem Gleichwellennetz, das nur dann funktioniert, wenn alle Sender absolut synchron senden. Dafür sorgen Datenpuffer, die mögliche Zeitunterschiede ausgleichen. Hinzu kommt: Die auch für den mobilen Empfang geeigneten DVB-T-Signale brauchen einen robusteren Fehlerschutz, der in den beteiligten Geräten zusätzliche Rechenzeiten beansprucht.
Gleich deutlich länger brauchen die Fernsehbilder über das Kabel: Der Zeitverzug gegenüber dem Satelliten-Fernsehen liegt je nach Kabelnetz zwischen fünf und zehn Sekunden. Schon die Zuspielung zu den Netzen – häufig läuft der Transport über Satellitenstrecken zu den Antennenschüsseln der Kabel-Kopfstationen – frisst Zeit. Dann folgen elektronische Umbauten der Signale: Die einzelnen Programme fügen sich zu neuen Multiplexen. Kabel Deutschland kodiert vorher sogar die Video-Datenströme komplett neu, um mit knapperen Datenraten auszukommen.
Weit länger noch verzögert sich die Übertragung im Internet. Immerhin: Entertain der Deutschen Telekom kommt mit einem Zeitverzug gegenüber dem Satellitenempfang von etwa 15 Sekunden aus. Denn der Netzbetreiber kann seinem Dienst feste Bandbreiten zuweisen, was Umwege und Datenstau erspart. Aber auch Entertain kodiert die Videosignale komplett um (auf das Microsoft-Format Windows Media Video), was wiederum auf das Tempo drückt. Alle anderen medialen Wege über das Internet, etwa die Verbreitung über Zattoo oder über die Live-Datenströme der öffentlich-rechtlichen Mediatheken, dauern noch länger.
Hier werden nicht nur die Videokodierungen, sondern auch die Bildformate verändert. Und welchen Weg die Signale nehmen, ist völlig unberechenbar, ebenso wie die Geschwindigkeiten von Server zu Server. Die Wiedergabe-Software auf dem Empfangsgerät muss deshalb stets größere Datenvorräte zur Pufferung anlegen, um Bildaussetzer so gut wie möglich zu vermeiden. So sehen Mediathekengucker das Tor vielleicht erst, wenn sich die Satellitengemeinde bereits über den schnellen, vom Gegentor gekrönten Konter aufregt. Also: Wer einen schnelleren Nachbarn hat, klemmt sich am besten ein Sixpack unter den Arm und klingelt zum gemeinsamen Gucken. Das macht ohnehin mehr Spaß.

