
Meist kommt es nach einem Bienen- oder Wespenstich oder durch Nahrungsmittelallergie: Allergischer Schock. Der ist oft lebensbedrohlich. Dagegen gibt es ein Schockmedikament. Doch selbst Notärzte reagieren oft falsch, wie ein neues Register jetzt erstmal gezeigt hat.
Im Zweifel „Notarzt rufen“ lautet der Rat an Allergiker im Internet für den Fall, dass sich erste Anzeichen für einen lebensbedrohlichen Schockzustand bemerkbar machen. Der Arzt reagiert indes bei allergiebedingten Notfällen nicht immer so, wie es medizinisch geboten wäre. Am zuverlässigsten wird Allergikern noch in der Hauptstadt geholfen. Zu diesem Schluss gelangt die erste deutschlandweite Auswertung des Anaphylaxie-Registers, das im Jahr 2006 ins Leben gerufen wurde. Von den Ergebnissen berichten Margitta Worm vom Allergie-Centrum Charité der Universitätsmedizin Berlin mit zahlreichen Kollegen der am Register beteiligten Zentren in der kommenden Ausgabe des „Deutschen Ärzteblattes“ (Bd. 111, S. 367).
Die Wissenschaftler haben für die Frage, welche Maßnahmen Notärzte bei schwerwiegenden allergischen Reaktionen ergreifen, 1123 Notfallprotokolle des Anaphylaxie-Registers ausgewertet. Außerdem wurden zum Vergleich 120 Einsätze der Berliner notärztlichen Versorgung herangezogen und 994 Fälle der ADAC-Luftrettung berücksichtigt. Die Daten belegen „eine Diskrepanz zwischen den aktuell in den Leitlinien genannten Behandlungsempfehlungen und der tatsächlichen Versorgung der Patienten“, heißt es in der Veröffentlichung. Anaphylaktische Reaktionen auf Allergene reichen von Rötungen und Quaddeln auf der Haut, Übelkeit, Kopfschmerzen, Panikgefühlen, beschleunigtem Herzschlag, unwillkürlichem Harn- und Stuhlverlust, massiven Schwellungen der Schleimhäute des Kehlkopfs bis zu Bewusstlosigkeit, Atemstillstand und Kreislaufzusammenbruch. Mediziner teilen diese Reaktionen bei entsprechend vorbelasteten Personen in vier Grade ein – bereits ab Schweregrad II ist die Gabe von Adrenalin als Schockmedikament geboten.
Zu vorsichtig im Umgang mit der Adrenalin-Spritze?
Nur 8,6 Prozent der betroffenen Notfälle erhielten Adrenalin von der Luftrettung, 12,3 Prozent der Patienten aus dem Anaphylaxie-Register, und in 21,6 Prozent verabreichten die Berliner Notärzte das kreislaufstützende Notfallmedikament. Die Notärzte der Hauptstadt schneiden am besten ab, wenn es um die Behandlung des schwersten Grads allergischer Symptome ging. Bei Grad- IV-Reaktionen erhielt von ihnen immerhin jeder Kranke sofort Adrenalin. Bei den ADAC-Einsätzen waren es in diesen eigentlich eindeutigen Notfällen jedoch nur 78 Prozent, und gemäß den Angaben aus dem bundesweiten Anaphylaxie-Register erhielt nicht einmal jeder zweite Notfallpatient im Falle einer Grad-IV-Anaphylaxie Adrenalin.
Woran das liegt, lässt sich der Auswertung nicht entnehmen. Falsche Zurückhaltung oder Bedenken, ein starkes Kreislaufmittel in der medizinisch gebotenen Weise zu verabreichen, sollte es nicht sein. Denn diejenigen Patienten, deren Allergiebereitschaft bekannt ist, werden sogar eigens mit einem sogenannten Autoinjektor ausgestattet. Sie sollen ausdrücklich für den Fall der Fälle gerüstet sein, um sich selbst eine Injektion verabreichen zu können. Es ist anzunehmen, dass dann, wenn man einem Laien eine solche Entscheidung abverlangt, sie auch einem Arzt im Notfalleinsatz zugemutet werden darf. Zumal da es Hinweise gibt, dass jene Patienten, die als Folge einer schweren allergischen Reaktion starben, Adrenalin überhaupt nicht oder zu spät erhalten hatten.
Erstmals liegen dank der Registerauswertung für Deutschland nun auch genauere Hinweise auf die Auslöser von schweren allergischen Reaktionen vor: Für die kommenden Sommermonate ist vor allem von Bedeutung, dass Wespen- und Bienenstiche und andere Insektengifte am häufigsten Anaphylaxien bei Erwachsenen verursachen. Bei Kindern stehen Nahrungsmittel, hier vor allem Erdnüsse, Kuhmilch und Hühnereiweiß, im Vordergrund. Was allergieauslösende Medikamente angeht, so stehen Schmerzmittel – insbesondere nichtsteroidale Antiphlogistika wie Diclofenac, Acetylsalicylsäure, Ibuprofen und Metamizol – an erster Stelle, gefolgt von Antibiotika.
