
Ablenkung lauert überall. Wir surfen stundenlang im Internet und sitzen bis zum Morgengrauen vor dem Fernseher. Eines kommt dabei meist zu kurz: der Schlaf. „Bedtime Procrastination“ nennen das Wissenschaftler der Universität Utrecht.
„Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“ Diesen Satz kennen wir alle, er appelliert an die Selbstdisziplin und soll uns antreiben, Aufgaben durchzuziehen, auch wenn wir dazu erst den Schweinehund überwinden müssen.
Anders ist das bei der „Bedtime Procrastination“. Hier spielt sich eher folgendes Szenario ab. Es ist schon weit nach Mitternacht und der Wecker klingelt in wenigen Stunden. Höchste Zeit ins Bett zu gehen. Aber Moment. War da nicht noch der Text, den man schon den ganzen Tag lesen wollte? Warten im E-Mail-Kontos nicht noch fünf Mails auf eine Antwort? Und auf Facebook gibt es bestimmt auch schon wieder viel Neues, das durchstöbert werden will. Das Schlafen muss warten, andere Aktivitäten sind wichtiger.
Geringe Selbstdisziplin, hohes Ablenkungspotenzial
Für dieses Verhalten haben Forscher der Universität Utrecht jetzt einen Begriff: „Bedtime Procrastination“. Was das sein soll? Die simple Definition: „es nicht zu schaffen, zur geplanten Zeit ins Bett zu gehen, ohne von äußeren Umständen davon abgehalten zu werden.“ Für ihre Studie befragten die Wissenschaftler 177 Personen. Personen mit Schlafproblemen und Schichtarbeiter wurden nicht befragt, denn die oblägen einem unnatürlichen Schlafrhythmus, der nichts mit der Bedtime Procrastination zu tun hat. In Online-Fragebögen machten die Teilnehmer Angaben zu Demographie, Lebensführung und Schlafgewohnheiten.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich Personen mit geringer Selbstdisziplin häufiger vom Schlafen abhalten lassen. Genau diese Personen beklagten sich auch über zu wenig Schlaf und Müdigkeit unterm Tag.
„Ein ziemlich modernes Phänomen“
Ein Ziel der Studie war, zu zeigen, welche Folgen zu wenig Schlaf für unsere Gesundheit haben kann. Frühere Studien bewiesen, dass Schlafmangel zu Konzentrations- und Erinnerungsproblemen führen kann. Auch Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen können von zu wenig Schlaf verursacht werden.
Passt der Begriff „Prokrastination“ überhaupt? Eigentlich bedeutet er, dass man etwas aufschiebt, auf das man gerade überhaupt keine Lust hat. Da gehört Schlafen normalerweise nicht dazu. Vor allem Personen mit geringer Selbstdisziplin neigen oft zu kleinen Nickerchen, wollen sich „nur mal kurz“ hinlegen und so gehen schnell viele Stunden vorbei, in denen sie friedlich schlummern. Floor Kroese leitete die Studie und erklärt „The Independent“ das Phänomen so: „Bedtime Procrastination ist wahrscheinlich ein ziemlich modernes Phänomen. Wir denken, dass es weniger darum geht, nicht schlafen zu wollen, sondern eher darum, andere Aktivitäten nicht beenden zu wollen.“
Appell an die Selbstdisziplin
Jetzt ist es wieder Mitternacht, der Text vorbei und die nächste Ablenkung schon gefunden? Die kann bestimmt auch bis morgen warten, jetzt ist es an der Zeit, ins Bett zu gehen. Alles andere bereut man spätestens am nächsten Morgen. Und ein Tipp: „Versuch‘ nicht dran zu denken an das, was dich kann ablenken.“
