
Soziologen kritisieren, dass wir, forciert von der Werbung, in einer Gesellschaft des ästhetischen Leistungsdrucks leben, und daher die Schönheitsoperationen zunehmen. Dabei wird der Spiegel die mit ihrem Äußeren Unzufriedenen nie ganz bestätigen.
„Von jedem Mädchen“, sagt Tina Fey in ihrem Buch „Bossypants“ über das herrschende Schönheitsideal, „wird heute erwartet, dass es die blauen Augen einer Europäerin hat, volle spanische Lippen, eine klassische Knopfnase, haarlose asiatische Haut mit kalifornischer Bräune, einen jamaikanischen Discohintern, lange schwedische Beine, zierliche japanische Füße, die Bauchmuskeln einer lesbischen Fitnessstudio-Besitzerin, die Hüften einer Neunjährigen, die Arme von Michelle Obama und Barbiebrüste.“
Auf geht’s, und was Training oder Kosmetik nicht hergeben, schafft vielleicht der Arzt. Weltweit soll es derzeit mehr als 15 Millionen Schönheitsoperationen im Jahr geben- in Deutschland werden offiziell 150.000 gezählt, hinzu kommen ebenso viele Faltenunterspritzungen.
Gesellschaft des ästhetischen Leistungsdrucks
Aber die Zahlen sind nicht ganz verlässlich. Denn an der Grenze von ästhetischen und gesundheitlichen Motiven für chirurgische Eingriffe ziehen viele eine medizinische Begründung vor. Und kosmetische Zahnbehandlungen beispielsweise werden gar nicht als plastische Chirurgie gezählt.
Warum unterziehen sich Menschen überhaupt solchen Operationen? Weil sie schöner aussehen möchten. Tun sie es denn, indem sie sich operieren lassen? Und wieso möchten sie gerne schöner aussehen? Weil sie unschön sind? Oder weil von ihnen erwartet wird, besser auszusehen oder mindestens „etwas für sich zu tun“?
Für die Schönheitschirurgen mögen Fragen nach den Handlungsmotiven weniger wichtig sein, Hauptsache, die Patienten sind nachher zufrieden. Manche Soziologen aber sprechen von einer Gesellschaft des ästhetischen Leistungsdrucks, in der alles perfekt sein muss und die Leute immer mehr nach ihrem Äußeren beurteilt werden. Das Perfekte werde zum Normalen erklärt und das Normale zum Hässlichen. Man spricht von „erotischem Kapital“ (Catherine Hakim) und einem „unternehmerischen Selbst“ (Ulrich Bröckling), das sich als Ware für einen Markt herrichtet.
Werbung erzeugt Patienten
Die Mainzer Soziologin Elke Wagner meldet hier leise Zweifel an. Vor allem, was den Spiegel betrifft. Gängiger Weise wird er mit den Massenmedien identifiziert. Über sie werde den Frauen – denn um diese geht es vorzugsweise – eingeredet, es stimme etwas nicht mit ihrem Äußeren. Tatsächlich begann der Markt für schönheitschirurgische Eingriffe in den Vereinigten Staaten zu wachsen, nachdem es Ärzten dort 1975 erlaubt worden war, Werbung für sich zu machen.
Der soziologische Verdacht lautet, dass erst dies im Zusammenspiel mit einem über das Fernsehen ausgestrahlten Gefühl, einen inadäquaten Körper zu haben, die entsprechenden „Patienten“ erzeugt hat. Mal ist es dann das Alter, gegen das angegangen wird, mal sind es ethnisch konnotierte Merkmale, mal aber einfach das, was ohne weitere Herkunftsgründe nicht gefällt.
Elke Wagner hat nun Patientinnen interviewt. Das war offenbar schwer, denn trotz des angeblichen – also wiederum: in den Medien behaupteten – sozialen Akzeptiertseins von Schönheitsoperationen möchte fast niemand darüber sprechen. Diejenigen, die es dennoch getan haben, beschreiben typischerweise ihre Entscheidung so: längeres Unzufriedensein mit einem Körpermerkmal, das Gefühl, „so“ gar nicht zu sein, sowie Irritation der Umwelt, gegen deren moralisches Kopfschütteln der Entschluss verteidigt werden muss.
Ein Spiegel, der einen nie ganz bestätigt
„Man sucht sich eine Geschichte, damit die Leute einen deswegen nicht verurteilen.“ Am besten eine Geschichte mit medizinischen Motiven. Zugleich verstärkt die Moralisierung des Themas den subjektiven Eindruck einer selbstbewussten Entscheidung.
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Massenmediale Bilder prägen bei den Patientinnen vor allem das ästhetische Urteil und die Vorstellung, wie ein guter Schönheitschirurg sein soll, nämlich stilsicher. Fernsehsendungen über Beauty-Kliniken werden auch nach der Operation konsultiert, zum Vergleich mit dem eigenen Erleben.
Der Entschluss, sich einem Eingriff auszusetzen, scheint dagegen weniger durch die entsprechende Werbung bewirkt zu werden als durch eine Art Dauerirritation angesichts ästhetisch aufgemachter Körper. Diese Irritation verschwindet nach dem Eingriff nicht. Es ist gerade nicht die perfekte Ware, die am Ende herauskommt. Der Bezugspunkt der mit sich ästhetisch Unzufriedenen scheint also weniger ein Markt zu sein, auf dem sie mittels Aussehen Erfolge suchen, als tatsächlich ein Spiegel, der einen nie ganz bestätigt.
