
Alles, was einen Bildschirm hat und W-Lan empfängt, taugt auch zum Fernsehgenuss. Sogar via Satellit: Die neue Technik Sat-IP macht es möglich. Wir haben es ausprobiert.
Mit dem Notebook auf dem Terrassentisch guckt der Familienvorstand Fußball, Junior schnappt sich seinen Tablet-Rechner und amüsiert sich lieber über die neurotischen Helden aus der Big Bang Theory, auf dem großen Bildschirm im Wohnzimmer kocht, brutzelt und kalauert Horst Lichter im Akkord. Alles gleichzeitig, alles mit nur einem Medienzugang, alles ohne Mitwirkung kostspieliger Mobilfunk-Dienstleister. Die Technik hinter diesem Szenario heißt Sat-IP.
Sie ist gar nicht so ganz neu, wird aber in diesen Tagen ganz besonders interessant. Denn mit einer neuen Modellreihe von Panasonic unterstützen nun auch die ersten Fernsehgeräte das System, weitere Hersteller wollen es der japanischen Marke noch in diesem Jahr nachmachen. Der Reihe nach: Die Programmquelle im Sat-IP-System ist, der Name lässt es ahnen, eine Satellitenantenne. Sie hält Kontakt zu einem in ihrer Nähe montierten unscheinbaren Kästchen, Sat-IP-Server genannt, das die Antennensignale in digitale Videoströme umwandelt und ins Heimnetzwerk einspeist.
Jeder Bildschirm kann ein anderes Programm zeigen
Ein W-Lan-Router kann sie dann drahtlos verteilen – für den Empfang mit allen Bildschirm-Geräten, die W-Lan an Bord haben. So werden Tablets, Smartphones, Notebooks und PCs zu mobilen Fernsehgeräten, ganz gleich, mit welchem Betriebssystem sie arbeiten. Und jeder Bildschirm kann ein anderes Programm zeigen. Die häusliche Vielfalt hängt davon ab, wie viele eingebaute Empfangsteile der Server-Baustein hat. Server mit vier eingebauten Tunern können ebenso viele verschiedene Programme ins Heimnetz schicken, opulentere Modelle mit acht Tunern schaffen sogar die doppelte Anzahl.
Die Ehe von Satellitenempfang und Heimnetz-Verteilung hat bestechende Vorteile. Denn die konventionelle Satellitenverkabelung kann nur Fernsehgeräte und Settopboxen versorgen. Und sie ist umständlich: Jeder Fernseher und jede Settopbox braucht eine eigene Antennenleitung bis hin zur Satellitenschüssel. Sat-IP dagegen kommt im Prinzip mit einer einzigen Kabelverbindung zum W-Lan-Router aus, den Rest kann der Flur-Funk übernehmen, wenn er denn überall im Haus kräftig genug ist. Sat-IP profitiert zudem ohne jede Einbuße von der hohen technischen Qualität des Satellitenfernsehens.
Einschränkungen bei verschlüsselten Programmen
Denn es ändert an den Bildinformationen kein einziges Bit. Es überträgt auch sämtliche im Sendesignal enthaltenen Tonspuren und alle digitalen Zusatzinformationen wie den Videotext. Gewisse Einschränkungen gibt es allerdings: Mit verschlüsselten Programmen können mobile Empfangsgeräte wie Smartphones und Tablets nichts anfangen. Wer also Pro Sieben, RTL und Sat 1 gucken möchte, muss sich mit den unverschlüsselten Kanälen in Standard-Auflösung begnügen. Aber deren Qualität reicht eigentlich für kleine Bildschirme auch völlig aus. Die Beschränkung auf Unverschlüsseltes galt bisher auch für die Sat-IP-Versorgung von Fernsehern.
Denn die funktionierte bisher nur über spezielle Settopboxen, die keine Entschlüsselungsfunktion hatten. Das wird nun anders: Die neuen Fernseher von Panasonic (sie haben in ihrem Namenskürzel die Buchstabenreihe AWS und sind in Größen vom Küchen- bis zum Jumbo-Format zu haben) können die verschlüsselten privaten HDTV-Programme auf ihren Bildschirmen zeigen – genau wie mit herkömmlicher Empfangstechnik. Dazu haben sie, wie fast alle Fernsehgeräte, einen Steckplatz für ein Entschlüsselungsmodul mit Smartkarte.
Ein Vorgeschmack auf die Zukunft der Fernsehtechnik
Überhaupt: Der Sat-IP-Empfang mit den neuen Fernseher-Modellen ist nicht komplizierter als der konventionelle Satellitenempfang. Zur Installation wählt man im Start-Menü, das die Übertragungswege zur Auswahl anbietet, statt „Satellit“ oder „Kabel“ einfach „Sat-IP“, und der Rest läuft wie gehabt: Ein automatischer Suchlauf findet die Sender, verteilt sie auf die Programmplätze, und schon kann der Fernsehspaß beginnen – mit allem gewohnten Komfort: Heimkino-Fans können die Dolby-Tonspur auswählen, digitale Zusatzsignale verlinken das Programm mit ergänzenden Angeboten im Internet.
Und eine mit dem Fernseher verbundene USB-Festplatte kann, ganz so, wie wir es bisher schon kennen, Satellitenprogramme aufnehmen und archivieren oder zum zeitversetzten Fernsehen zwischenspeichern. Im Grunde gibt Sat-IP einen Vorgeschmack auf die Zukunft der Fernsehtechnik, die ungefähr so aussehen könnte: In ein paar Jahren haben Fernsehgeräte vielleicht nur noch einen Netzwerkanschluss, der sie mit dem Heimnetz und dem Internet verbindet.
Spezielle Empfangsteile für Kabel, Antenne oder Satellit gehören dann zur Haustechnik. Vielleicht verschmelzen sie sogar mit dem W-Lan-Router zu einem einzigen Gerät, das irgendwo im Wandschrank unauffällig seiner Arbeit nachgeht und alles versorgt, was einen Bildschirm hat. Und dem großen Fernsehbildschirm im Wohnzimmer wäre es technisch endgültig egal, woher Bild und Ton kommen: aus klassischen Rundfunk-Kanälen oder aus den Tiefen des World Wide Web.
