
Das neue Ascend P7 von Huawei: So günstig kann ein gutes Smartphone sein. Vieles ist von Apple und Sony kopiert, aber Kamera und Bedienungsoberfläche überzeugen sofort.
Sie sind listig, dreist und smart, die Leute von Huawei, die als Netzwerkausrüster schon lange in Europa angekommen sind und seit einigen Jahren in den Endgerätemarkt drängen. Mit dem Ascend P6 landeten die Chinesen im vergangenen Jahr einen Überraschungserfolg bei den Android-Smartphones. Nun kommt das Nachfolgemodell Ascend P7, und die Strategie bleibt klug: Nicht mit den teuren Oberklasse-Boliden à la Samsung Galaxy S5 will man sich messen, sondern wählt ein kleineres Preisschild: Offizielle 420 Euro werden für das Neue aufgerufen, und man kann nahezu sicher sein, dass der Straßenpreis schon in wenigen Wochen auf 350 Euro fällt.
In keiner Disziplin ist das Ascend P7 jedoch sparsam aufgestellt. Im Gegenteil, mit seiner Einfassung aus Aluminium und Gorilla-Glas sowie der hohen Verarbeitungsqualität kann es mühelos in der Oberklasse mithalten. Wer sich anderswo an billigem Plastik stört, darf hier getrost mehr als nur einen Blick riskieren.
Das Ascend P7 ist auf Maße von 14 × 6,8 Zentimeter gewachsen, es bleibt hauchdünn (6,8 Millimeter) und leicht (123 Gramm). Das Display hat nun eine Diagonale von 5 Zoll (12,7 Zentimeter) mit klassentypischer Full-HD-Auflösung von 1920 × 1080 Pixel. Die drei Tasten auf der rechten Seite für die Regulierung der Lautstärke und zum Ein- und Ausschalten sitzen so passgenau wie die dünnen Träger, mit denen Micro-SD- und Micro-Sim-Karte ins Gehäuse geschoben werden. Anschaltknopf und Lautstärkewippe sind übrigens einem Sony aus dem Gesicht geschnitten.
Das Ascend P7 ist auf Maße von 14 × 6,8 Zentimeter gewachsen
Das Display mit einer Pixeldichte von 441 ppi ist hinsichtlich Farbe, Kontrast und Helligkeit nicht so spektakulär wie das eines Samsung Galaxy S5. Aber mit dem iPhone 5S hält es locker mit, die Farbwiedergabe ist sehr natürlich, die maximale Helligkeit (480 cd/qm) überzeugt, der Kontrast (1:800) bleibt durchschnittlich. In der Ausstattung hat das neue Huawei indes mächtig zugelegt: Der superschnelle Mobilfunkturbo LTE ist dabei, alle wichtigen Frequenzbänder werden unterstützt. Die Nahfeldkommunikation mit NFC ist ebenso vorhanden wie das energieeffiziente Bluetooth 4.
Einschränkungen gibt es beim W-Lan: Hier fehlt kurioserweise das 5-Gigahertz-Frequenzband, und zudem hatten wir immer wieder W-Lan-Probleme bei den Übertragungstechniken Miracast und WiFi Direct sowie der Internettelefonie mit Skype und einem Sip-Anschluss. Skype war selbst in unmittelbarer Nähe zum Router an einem schnellen DSL-Anschluss oft massiv gestört. Mag sein, dass ein Softwareupdate bald Abhilfe bringt, wir hatten die allererste Firmware im Einsatz.
Das Ascend P7 bietet viel Gegenwert fürs Geld
Anstelle der üblichen Snapdragon-Prozessoren der Konkurrenz setzen die Chinesen auf den hauseigenen Vierkern-Kirin-Prozessor 910T, der mit 1,8 Gigahertz getaktet ist und von einer Grafikeinheit verstärkt wird. Zwei Gigabyte Arbeitsspeicher und 16 Gigabyte für Nutzerdaten folgen den üblichen Standards. Misst man das Arbeitstempo mit den einschlägigen Benchmarks, ist das Ascend P7 der oberen Mittelklasse zuzuordnen. Es ist in etwa so schnell wie das ein Jahr alte Samsung Galaxy S4. Der Energieverbrauch des Kirin hält sich in Grenzen: Der vom Benutzer nicht wechselbare Akku hat eine Nennladung von 2500 Milliamperestunden und hält bei normaler Beanspruchung locker anderthalb Tage durch.
Großen Wert legt Huawei seit jeher auf die Kamera. Die frontseitige, die bei „Selfies“ (Selbstporträts) und Videotelefonie zum Einsatz kommt, hat nun eine spektakuläre Auflösung von 8 Megapixel. Die Software erlaubt Gruppen-Selfies, von Huawei „Groufie“ genannt, als Panorama-Porträt. Die Hauptkamera auf der Rückseite erreicht eine Auflösung von 13 Megapixel und wurde im Vergleich mit dem Ascend P6 deutlich verbessert. Schnappschüsse lassen sich sehr schnell mit zweimaligem Betätigen der unteren Lautstärke-Taste erstellen. Wer dem Autofokus mehr Zeit geben will, stellt im Menü ein, dass der Doppeltipp nur die Kameraabteilung startet.
Dieser Schnellaufnahmemodus ist im Alltagsgebrauch ein Pluspunkt, und die Bildqualität drinnen wie draußen stimmt ebenfalls. Tageslichtaufnahmen sind knackscharf mit schöner Dynamik und nahezu perfekter Farbwiedergabe. In geschlossenen Räumen und bei Dunkelheit bleibt das Bildrauschen sichtbar, aber gering. Ärgerlich ist mancher Verwackler, wenn das sonst empfehlenswerte „intelligente“ Motivprogramm eine zu lange Belichtungszeit wählt. Insgesamt arbeitet die Optik auf Oberklasseniveau, hier wurde klug investiert.
Höchstes Lob verdient zudem die Bedienungsoberfläche Emotion UI, die Huawei auf das aktuelle Android 4.4.2 gesetzt hat. Das Betriebssystem wirkt damit klar und neutral, es gibt keine Crapware, keinen Nervkram. Wer von Samsung kommt, genießt die kluge Zurückhaltung der Chinesen. Aus der Apple-Welt hat man die Struktur von Startbildschirm und Ordnern übernommen, und mit verschiedenen Designs lässt sich dem Huawei schnell ein neues Kleid anziehen. Wo Android aufdringlich wirkt, kann man mit Emotion UI regulierend eingreifen, etwa bei den Push-Nachrichten in der oberen Menüzeile oder dem Hintergrundbetrieb inklusive mobiler Datennutzung. Was jedoch leider fehlt, ist der vom Ascend P6 bekannte Berechtigungsmanager, mit dem man den Zugriff auf private Daten durch einzelne Apps blockieren kann. Mehr Optionen sind für das Energiesparen vorgesehen, und wie beim Samsung Galaxy S5 gibt es einen Ultrasparmodus mit reduziertem Funktionsumfang, der weitere 24 Stunden Bereitschaftszeit erlauben soll, wenn die Akkuleistung auf zehn Prozent gefallen ist.
Insgesamt geht die Strategie von Huawei auf: Die List besteht darin, dass das Ascend P7 viel Gegenwert fürs Geld bietet. Die dreisten Anleihen bei den Mitbewerbern werden den Kunden nicht stören, im Gegenteil. Somit ist das Ascend P7 eine kluge Wahl für kühle Rechner.
