
Eine kleine, schnelle Kamera auf der Grenze zwischen System und kompakt. Für einen Preis von etwa 1250 Euro. Wie handlich ist die Nikon 1 V3?
So, wie sie auf dem Foto nebenan zu sehen ist, will der Online-Shop des Ladens, durch den Antoine Monot Jr. alias Knuddelbär Tech-Nick werbend tänzelt und die Sachen abnickt, für die Nikon 1 V3 das Sümmchen von 1250 Euro. Dafür sind dann der elektronische Aufsteck-Sucher DF-N 1000 (knapp 2,36 Millionen Bildpunkte), der Anschraubgriff GR-N1010 (mit einer Funktionstaste und einem Einstellrad zusätzlich, kein weiteres Akkufach) und das 1 Nikkor VR 1:3,5-5,6/10-30mm mit im Kit. Um das auch in Arbeitsposition angenehm kurz bauende Standardzoomobjektiv gleich richtig einzuordnen: Die Nikon 1 hat einen vom Hersteller CX-Sensor genannten 18-Megapixel-CMOS (ohne Tiefpassfilter) des Formats 13,2 × 8,8 Millimeter, woraus ein Cropfaktor von rund 2,7 resultiert: Das Kleinbildäquivalent des Brennweitenspielraums reicht also von etwa 27 bis 81 Millimeter.
Ein schneller Hybridautofokus (171 Messfelder, automatischer Wechsel zwischen Phasendetektion und Kontrastmessung), ein neigbarer 3-Zoll-Monitor mit Touchscreen-Funktion (rund eine Million Bildpunkte), Empfindlichkeit bis ISO 12 800, elektronischer und mechanischer Schlitzverschluss (gut für 100 000 Auslösungen, bis 1/4000 Sekunde), bis zu 40 Bilder in Folge bei einer Frequenz von bis 60 Bilder in der Sekunde, HD-Video (1920 × 1080/60p, Fotografieren beim Filmen), selbstverständlich Rohdatenspeicherung (NEF sowie NEF und JPEG gleichzeitig), ein Mini-Blitz (Leitzahl 5) und Wi-Fi an Bord, GPS-Modul als Zubehör und mit Adapter Anschluss vieler Nikkor-Optiken – die Ausstattung der ohne Anbauten zierlichen Kamera (rund 6,5 × 11 × 3 Zentimeter, rund 485 Gramm wie abgebildet) liest sich beeindruckend: Die – hier nicht komplett heruntergebetete – Liste ist mehr als vollständig.
Da hätte man also eine Hardware-Grundausstattung beisammen, die sich nicht zu verstecken braucht. Aber 1250 Euro sind schließlich auch kein Pappenstiel. Für den Betrag bekommt man sowohl bei Nikon wie auch von anderer Seite stattliche und leistungsfähige Spiegelreflexkameras. Klar, auf solche Milchmädchenrechnungen muss gefasst sein, wer sich entschließt, keine DSLR herumschleppen zu wollen. Aber man kann es mittlerweile auch ziemlich leid sein, immer wieder diese Diskussion führen zu müssen. Die einzige Frage ist doch: Sind diese kleinen Kameras ohne Spiegelschlag ihr Geld wert? Das ist für die Nikon 1 V3 rundherum zu bejahen.
- Leica T-System: Aus dem Vollen geschnitzt
- Voigtländer Ultron: Schönes Bokeh in der Nähe
- Lumix GX7: Die Sucherkamera
- Sony Alpha 7: Vollformat im Kleinformat
Bevor jetzt hier das Schwärmen losgeht, ein paar Wermutstropfen: Zum Beispiel ist der nicht zu sperrig geratene elektronische Sucher dem Auge mit seiner Kontrastleistung und der Auflösung sehr angenehm. Und es ist schick, wie Nikon die Kontakte in die Tiefe des Zubehörschuhs verlegt hat. Aber es ist schade, dass sich der Sucher nicht kippen lässt. Beim Monitor geht das, und der nimmt – auch so ein praktisches Detail – am linken Einfassungsrand vier Funktionstasten mit in die Horizontale. Dass das Objektiv mit einem Drehring gezoomt wird, ist gut und schön, gerade wenn man die Kamera am Auge hat. Aber dass der Ring mangels Anschlägen nicht beim Drehen signalisiert, dass die äußerste Tele- oder Weitwinkeleinstellung erreicht ist, das wirkt gewöhnungsbedürftig. Dass das Gehäuse sich solo wie auch mit dem Handgriff bestens und sicher halten lässt, liegt nicht zuletzt an der sympathisch angerauhten Gummierung. Die kommt nicht nur hier bei der kleinen Nikon, sondern bei etlichen aktuellen Kameramodellen zum Einsatz. Und leider ist der Preis der Griffigkeit, dass diese Gummiflächen Staub- und Schmutzfänger allererster Güte sind.
Im Namen der Kreativität und der Bedienungserleichterung gibt Nikon der Serie Nikon 1 einige Spielereien und Modi mit, auf die leicht verzichten kann, wer einfach eine leistungsfähige kompakte Systemkamera will. Immerhin ist es tröstlich, dass sich diese Sachen wie „Best Moment Capture“ einfach ignorieren lassen. Nikon könnte sie aber noch ein bisschen besser verstecken, statt sie auf das P,S,A,M-Betriebsarten-Rädchen zu packen, wo man eher eine Rastung mit dem Buchstaben C für benutzerspezifische Speicherungen vermisst.
Auch ohne die kreativen Helferlein macht die Kamera sehr schöne Bilder, kommt die Belichtungssteuerung zum Beispiel mit Mischlicht oder hohen Dynamikumfängen mustergültig zurecht. Die Geschwindigkeit der Nikon 1 V3, gepaart mit ihrer unauffälligen Kleinheit und der – auf Wunsch – völligen Geräuschlosigkeit macht sie zu einer prima Reportagekamera für voll kontrollierte Schnappschüsse. Nur für Fotografendarsteller mag sie weniger taugen.
