
Leica bringt mit dem T-System eine APS-C-Kamera mit Wechselobjektiven. Man bekommt schön eingekleidete Technik für viel Geld, die das kann, was die billigen Knipsen seit zwei Jahren können.
Ganz egal was der nunmehr wieder in Wetzlar beheimatete Kamerahersteller Leica der Gemeinde seiner Markenfans und Sammler präsentiert, es geschieht mit der Geste, als werde noch nie Getanes der Welt geschenkt. Es können nur Neider und Übelwollende sein, die sich weigern, der Eleganz und dem Posaunenklang solcher nicht wirklich an den Fotomarkt, sondern eben nur an wahre Connaisseurs gerichteten Präsentationen zuzujubeln.
Um nicht für solch einen böswilligen Kritikaster gehalten zu werden, schien es gut, sich fachmännischer Hilfe zu versichern. Gefunden wurde diese in der Nummer 9 des Fachblatts „PP“ wie „Photo Presse“. Die im Gegensatz zu anderen Fotomagazinen ein wenig flachbrüstig mit einer Auflage von rund 8000 Exemplaren erscheinende Publikation sieht sich eigenem Bekunden zufolge besonders der professionellen Fotografie verpflichtet. Wer „PP“ regelmäßig durchblättert, lernt außer beispielhaft schöner und deshalb preisgekrönter Fotografie vor allem Geschäftsführer, Produktmanager und Pressesprecher kennen, die egal wie die Geschäfte laufen, fröhlich in die Kamera schauen und ihre Offerten tapfer ins Rampenlicht halten.
„ . . . für wen machen die das?“
Nun also das Leica T-System: Dazu hat in „PP“ Autor Wolfgang Heinen eine echt kritische, zweiseitige Analyse veröffentlicht. Schon deren Vorspann mündet in die Frage aller Fragen zu Leicas für Ende des Monats erwarteter Neuheit: „ . . . für wen machen die das?“ Knallhart, und das noch vor Produktstart! Jeder kann es sich natürlich zusammenreimen: Wie ziemlich alles, was Leica macht, wird auch die Leica T für die gemacht, für die es einfach Leica sein muss. Schließlich bekommt man nirgendwo sonst für so viel Geld schön eingekleidete Technik, die endlich das kann, was die billigen Knipsen anderer Leute seit zwei Jahren können, Wi-Fi und Fernsteuerung vom Smartphone aus zum Beispiel. Oder steckt doch mehr hinter dem Geschäftsmodell von Leica?
Kein frech-vorlautes Urteil darüber – stattdessen soll wieder Fachautor Heinen und diesmal zweieinhalb Sätze lang zu Wort kommen: „Wer verstehen möchte, warum Leica die T-Serie entwickelt hat, der muss einfach nur tief in die Augen von Entwicklungsvorstand Markus Limberger schauen und seinen Worten lauschen. In kaum retuschiertem südwestdeutschen Tonfall begeistert sich Limberger für jeden einzelnen Schritt, der, ausgehend von einem rohen Alu-Block am Ende der Produktionskette ein neues Hightech-Kamerasystem hervorbringt. Da merkt man sofort diesen Leica-typischen Spirit . . .“
Eine Dreiviertelstunde lang wird Hand angelegt
Sage doch noch einer, Technikjournalismus sei eine trockene Angelegenheit: Ist das nicht großes Kino, Hollywood und „Schau mir in die Augen, Kleines“? Um wenigstens einmal in gleicher Tonart in die Tasten zu greifen: Die Augen von Entwicklungsvorstand Limberger haben das Blaugrau von sachte brüniertem Stahl der Marke „Widerstand ist zwecklos“. Wer lang genug in diese Augen geblickt hat, dem gelingen Sätze wie „Und sie fühlt sich ohne Frage gut an, weil sich Aluminium per se gut anfühlt, aber auch weil die Ergonomie in ihrer Reduktion überzeugt.“
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Gemeint hat Heinen hier erstens die Kamera und mit der reduzierten Ergonomie (Hallo?) „das solide Gewicht und ein neu entwickeltes Bedienkonzept“ der zusammen mit Audi Design entworfenen Leica T: ein „Smartphone-großer“ Touchscreen (3,7 Zoll, knapp 410.000 Bildpunkte) mit Pikto-Letter-Sprech, der stramm an eine japanische Mikrowelle erinnert, und dazu zwei unbeschriftete Drehrädchen. Weitere „haptische“ Bedienelemente: der Hauptschalter/Auslöser, zugleich Blitzentriegelung und natürlich eine Video-Taste. Man braucht das Wischitatschi des „Lange-berühren-ziehen-und-los-lassen“ nur theoretisch zu studieren, um die bedienungstechnische Herausforderung der Leica T zu erkennen: möglichst niemals unabsichtlich auf den ungesperrten Monitor zu geraten und sich wer weiß wo in den gekachelten Menüs und Untermenüs zu verirren.
Das T-Modell ist auch in Weiß, Orange und Melonengelb erhältlich
Aber das sind so Sachen, die spielen einfach keine Rolle bei einer neuen Leica. Genauso wenig wie die Motivprogramme, die sie mitbringt, oder der elektronische Sucher, der sich ihr aufstecken lässt. Viel wichtiger ist doch, dass der rohe Aluminium-Body 45 Minuten lang von Hand poliert wurde und dass es bei Leica das T-Modell nicht nur in jeder Farbe, sofern sie schwarz ist, gibt, sondern auch in Weiß, Orange und einem Melonengelb, das stark zu Mango tendiert.
Und schließlich natürlich der Preis: 1500 Euro für das Gehäuse, mit einem der beiden zunächst verfügbaren T-Objektive Pi mal Daumen 3000 Euro. Lassen wir noch mal den Fachmann ran: „Für Youngster zu teuer, für zahlungskräftige Technikfreaks zu altbacken. Dennoch ist der Weg der richtige, auch wenn er zu der angepeilten neuen Zielgruppe noch ein weiter sein wird.“
