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Aktienmarkt: Hohe Preise für Übernahmen sind ein Warnzeichen

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Ist die derzeitige Hausse am Aktienmarkt bloß eine Folge der starken Zurückhaltung nach der Krise? So sehen es die Optimisten. Doch die hohen Preise für Fusionen und Übernahmen sind ein ernstzunehmendes Warnsignal.

An den Aktienmärkten ist die Stimmung äußerst gut. Neben der Erwartung einer kräftiger wachsenden Weltwirtschaft sowie der Unterstützung durch eine lockere Geldpolitik und die damit verbundenen niedrigen Zinsen treten zahlreiche Fusionen und Übernahmen, von denen die Börsianer seit mehreren Jahren geträumt haben. Kein Wunder, dass in den Vereinigten Staaten die führenden Aktienindizes einen historischen Höchststand nach dem anderen erreichen und auch in Europa die Aktienmärkte seit geraumer Zeit gut laufen.

Entsteht hier eine Euphorie, als deren Folge die Aktienkurse in so schwindelerregende Höhen steigen, dass ein anschließender schlimmer Absturz unausweichlich erscheint? Alleine seit Jahresanfang wurden Fusionen und Übernahmen im Gesamtwert von rund 1.600 Milliarden Dollar angekündigt. Die Welle hat Nordamerika ebenso wie Europa erfasst und sie macht auch nicht vor Asien halt. Sie ist vor allem in den Branchen Pharma und Telekommunikation/Medien sichtbar, macht aber auch nicht vor der Bau- und Kapitalgüterindustrie sowie vor der Finanzbranche halt. Darunter befinden sich einige sehr große Projekte: Der amerikanische Pharmakonzern Pfizer will für den britischen Konkurrenten Astra Zeneca 111 Milliarden Dollar zahlen. Für die Übernahme von Comcast durch Time Warner dürften rund 50 Milliarden Dollar bewilligt werden. In etwa dieser Größenordnung befinden sich die geplante Übernahme von DirecTV durch den amerikanischen Telekommunikationskonzern ATT sowie der Kauf des Botox-Herstellers Allergan durch das kanadische Pharmaunternehmen Valeant. Dagegen wirkt der 14 Milliarden Dollar teure Erwerb einer Sparte des Pharmariesen Merck durch Bayer geradezu bescheiden. Bis zum Jahresende dürften noch weitere Fusionen und Übernahmen angekündigt werden.

Keine Abenteuer auf Drängen von Finanzleuten

Die Optimisten an der Börse verweisen auf zwei Gründe, warum ihres Erachtens von einer Übertreibung noch keine Rede sein könne. Dagegen spricht nach dieser Lesart, dass die augenblickliche Welle zum Teil die natürliche Folge einer außergewöhnlich starken Zurückhaltung in den vergangenen Jahren ist. Die Hausse an den Aktienmärkten begann im Jahre 2009 und etwa seit dieser Zeit sind die Gewinne und die oft zu niedrigen Zinsen angelegten Finanzreserven zahlreicher Unternehmen deutlich gestiegen. Dass in den vergangenen Jahren nicht schon viel mehr Fusionen und Übernahmen angekündigt wurden, lag nicht an einem Mangel an Projekten, sondern an Zurückhaltung in einem als unsicher eingeschätzten gesamtwirtschaftlichen Umfeld. Die Finanzkrise in den Vereinigten Staaten und die Eurokrise veranlassten viele Unternehmen zur Zurückhaltung. Heute werden die gesamtwirtschaftlichen Perspektiven optimistischer gesehen. Dies macht die Unternehmen mutiger.

Zweitens sind die Ideen zu vielen Fusionen und Übernahmen in den Unternehmen entstanden und nicht in den Köpfen von Investmentbankern oder Managern von Private-Equity-Unternehmen. In der letzten Übernahmewelle vor knapp zehn Jahren hatten Finanzleute Unternehmen zu Abenteuern gedrängt, die in erster Linie die Taschen der Finanzleute füllten, aber nicht immer Sinn aus der Perspektive der Unternehmen ergaben. Das ist dieses Mal zumindest bisher nicht so.

Für die Unternehmen sinnvoll, gesamtwirtschaftlich fragwürdig

Und trotzdem sollte die Börse die aktuelle Welle von Fusionen und Übernahmen als ein Warnzeichen verstehen. Denn zum einen werden mittlerweile für manche Übernahme im historischen Vergleich stattliche Bewertungen zugrunde gelegt und damit hohe Preise bewilligt. Dass Fremdfinanzierungen dank billiger Kredite günstig zu haben sind und obendrein eigene Aktien dank hoher Kurse als Währung für Übernahmen genutzt werden können, verstärkt die Bereitschaft, beim Kaufpreis nicht auf den letzten Dollar oder Euro zu achten.

Aus der Sicht eines einzelnen Unternehmens mag die Übernahme eines Konkurrenten sinnvoll sein. Aber aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wird hier viel Geld für in der Wirtschaft bereits vorhandene Produktionskapazitäten bezahlt. Falls der von vielen Unternehmen ersehnte nachhaltige Aufschwung der Weltwirtschaft Bestand haben soll, wird es auch einer kräftigen Zunahme der Investitionen in neue Kapazitäten in den Industrienationen bedürfen. Eigentlich sollten hohe Aktienkurse auch die Finanzierung von Produktionserweiterungen erleichtern. Hiervon ist derzeit nicht genug zu sehen.

So stützt die Vielzahl von Fusionen und Übernahmen das Bild einer in die Jahre gekommenen Hausse an einem Aktienmarkt, an dem die Bewertungen allmählich bedenkliche Höhen erreichen. Ein weiterer Aufschwung der Kurse sollte von deutlich zunehmenden Unternehmensgewinnen begleitet sein. Fusionen und Übernahmen dienen aus der Sicht ihrer Betreiber einer Stärkung der Ertragskraft, aber nach aller Erfahrung lassen sich die versprochenen Gewinnzuwächse aus großen Zusammenschlüssen oft nicht erreichen. Die Aktie ist als langfristige Kapitalanlage für Privatanleger unerlässlich, aber es gibt Zeiten, in denen Aktienkäufe keine Eile haben.

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