
Jack Ma, der Sohn eines chinesischen Bänkelsängers, bringt das größte Internethandelshaus der Welt an die Börse. Dort steigen heute die Indizes. Das liegt auch an den guten Exportzahlen aus Fernost.
Ma Yun kann starrköpfig sein, so sehr, dass er der Börse in Hongkong ihre größte Neuemission vermasselt hat. Statt sein Unternehmen, die Alibaba Group, wie geplant in der chinesischen Sonderwirtschaftsregion notieren zu lassen, kehrt Ma der Heimat den Rücken und plant den Schritt jetzt in New York.
Soeben hat Alibaba dafür den vorläufigen Börsenprospekt vorgelegt. Die 20 Milliarden Dollar, die man angeblich bei Anlegern einsammeln will, würden die größte Erstemission in den Vereinigten Staaten bedeuten.
Dabei ist die Ortswahl eher eine Notlösung, weil sich Alibaba mit den Hongkonger Regulierungsbehörden überworfen hat. Die Gründer und Partner, die 13 Prozent an der Gruppe halten – Ma davon mehr als 8 Prozentpunkte –, wollten sicherstellen, dass sie auch nach dem Schritt aufs Parkett die Zusammensetzung des Aufsichtsrats bestimmen könnten. Doch solche Sonderrechte sehen die Regularien nicht vor. Verschnupft wählte Ma deshalb den amerikanischen Konkurrenzplatz, wo derlei Privilegien zulässig sind.
Noch sind die Details unklar, doch die Transaktion wird in jedem Falle alle bisherigen chinesischen Börsengänge in Hongkong und Amerika in den Schatten stellen, einschließlich jener der Online-Konkurrenten Tencent, Baidu und Sina.
Der Hauptgründer von Alibaba, der sich auf Englisch Jack Ma nennt, kann sich ein derart selbstbewusstes Auftreten erlauben. In kaum 15 Jahren hat er einen Weltkonzern mit 25.000 Mitarbeitern geschaffen. Alibaba dominiert 80 Prozent des chinesischen Internethandels, die wichtigste Plattform namens Taobao hat 370 Millionen Nutzer. Insgesamt ist Alibaba größer als Ebay und Amazon zusammen – und auch die Gewinne der Chinesen sind deutlich höher.
Wie wertvoll Alibaba ist, lässt sich schwer beziffern. Das Unternehmen selbst bezieht sich auf den Rückkauf eines Aktienpakets von Yahoo im September 2012 und rechnet daraus auf 40 bis 50 Milliarden Dollar hoch. Investmentbanken wie Goldman Sachs sprechen eher von 150 Milliarden Dollar, die Finanzagentur Bloomberg von bis zu 200 Milliarden. Damit wäre Alibaba das wertvollste Internetunternehmen der Welt hinter Google.
Klar ist auch, dass Jack Ma einer der reichsten Menschen auf dem Planeten ist. Derzeit rangiert er auf der Milliardärs-Liste von Bloomberg international an Platz 88 und in China an Position 3. http://www.bloomberg.com/billionaires/2014-05-06/cya/aaaga
Sein Nettovermögen wird auf 12,5 Milliarden Dollar geschätzt. Zu Jahresbeginn waren es erst 3,6 Milliarden. Das Hurun-Institut in Schanghai, das zu den besten Kennern der Superreichen zählt, bezeichnet Ma als einen der schnellsten Aufsteiger überhaupt.
Augenzwinkernd vermutet Hurun, das sei dem chinesischen Pferdejahr zu verdanken, denn „Ma“ heißt auf Chinesisch Ross. Der Aberglaube würde auch den Erfolg des zweitreichsten Chinesen in der Liste erklären, des Tencent-Gründers und Alibaba-Rivalen Ma Huateng. Er ist 12,6 Milliarden Dollar schwer und nennt sich auf Englisch „Pony Ma“.
Dem Gegner im Pferderennen der Reichen, Jack Ma, war das Glück nicht in die Wiege gelegt. Geboren wurde er am 10. September 1964 in Hangzhou südwestlich von Schanghai als Sohn eines Ehepaares, das sein Geld mit der Darbietung gesungener Erzählungen verdiente, vergleichbar mit Moritatensängern.
Um ausländische Touristen durch seine hübsche Heimatstadt führen zu können, brachte sich Ma mit 12 Jahren selbst Englisch bei, indem er den Radiosender „Voice of America“ hörte. Dreimal bewarb er sich an einer Fachhochschule, bis es die Prüfung bestand und zum Englischlehrer ausgebildet wurde. Nach dem Abschluss 1988 schlug er sich für einen Monatslohn von umgerechnet 15 Dollar als Pädagoge durch, bis er 1995 als Übersetzer erstmals nach Amerika kam.
Dort sah er seinen ersten Computer – mit 31 Jahren. Mit amerikanischen Freunden baute er eine Internetseite für seine Übersetzungsdienste und bot diesen Webdesign-Service dann in China kleinen Unternehmen an. 1999 hob er Alibaba aus der Taufe, woran sich 80 Geldgeber mit insgesamt 60.000 Dollar beteiligten.
Schon drei Jahre später hatte die Handelsplattform für Geschäftskunden eine Million Nutzer und war profitabel. Mittlerweile hat Ma, der im Mai 2013 den Vorstandsvorsitz abgab, aber Aufsichtsratschef blieb, ein neues Steckenpferd: Online-Finanzdienste. Der Geldmarktfonds Yu’e Bao sammelte es in kaum acht Monaten nach seiner Gründung schon 400 Milliarden Yuan ein (47 Milliarden Euro) ein.
Allerdings untersagte Chinas Zentralbank die Abwicklung von Kreditkäufen im Internet über so genannte virtuelle Kreditkarten von Alibaba. Solche Rückschläge fechten Ma nicht an. Sein Traum ist es, eine Tai-Chi-Schule mit dem chinesischen Action-Star Jet Li zu eröffnen. Vielleicht weil der ähnlich klein und zäh ist wie Ma und, zumindest im Film, alle Gegner besiegt.
Mas Vermögen steht und fällt mit der Bewertung seines Unternehmens. Sobald es an der Börse ist, lässt sich sein Wohlstand genauer ausrechnen. Dort, an den Finanzmärkten, geht die Achterbahnfahrt heute weiter. Nach dem tiefen Fall der vergangenen Tage steigen in Asien die Kurse wieder. Der Regionalindex MSCI Asia Pacific erholt sich etwas von seinem tiefsten Absturz seit sieben Wochen und legt am Vormittag 0,6 Prozent zu.
Das ist vor allem der größten und der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt zu verdanken: In Washington hat die amerikanische Notenbankgouverneurin Janet Yellen deutlich gemacht, dass die Wirtschaft der Vereinigten Staaten weiterhin künstlich befeuert werden wird. Aus Peking kommen bessere Zahlen zum Außenhandel.
Nachdem der Export im März noch gefallen war, hat er im April leicht zugelegt. Die Erholung hat globale Bedeutung, denn China ist die größte Handelsnation. Das gilt für den Außenhandel genauso wie für Alibabas Domäne, den Onlinehandel. Beide Weltmeistertitel wird sich das Land so schnell nicht nehmen lassen.
