
Seit zehn Jahren liest der Internetgigant die E-Mail mit. Jetzt gibt es erste Klagen. Gegen die Überwachung und Datensammlung durch Google wenden sich auch amerikanische Studenten.
Als Google am 1. April 2004 sein E-Mail-Angebot Gmail startete, war die Aufregung groß. Von Anfang an hatte das Unternehmen kommuniziert, dass der neue Dienst, den man zunächst nur im Browserfenster nutzen konnte, ein Kuhhandel sein sollte: Man bekam gratis ein für damalige Verhältnisse riesiges Postfach mit einem Gigabyte Speicherplatz und wurde von nerviger Pop-up-Werbung sowie blinkenden Reklamebannern verschont. Aber diese Vorteile waren an eine Bedingung gekoppelt: Google würde jede einzelne E-Mail, jede gesendete und jede erhaltene, maschinell durchsuchen und kontextbezogene, korrespondierende Anzeigen einblenden. Mit dieser „Ad-Sense“ genannten Idee war Google in den Jahren zuvor zum größten Werbevermarkter des Internets geworden. Google schaltete Anzeigen, die zum Inhalt der jeweiligen Seite passten.
Das maschinelle Durchsuchen von E-Mails wurde 2004 von nahezu allen Kommentatoren als fragwürdig angesehen. Eine E-Mail sei doch viel privater als eine Internetsuche, und die amerikanischen wie auch die europäischen Datenschützer hielten nicht nur das automatisierte Lesen von Nachrichten für rechtswidrig, sondern auch die Verknüpfung von Nutzerdaten mit weiteren Netzaktivitäten. Solche Querverbindungen zwischen dem Gmail-Besitzer und seinen Suchanfragen ließen sich mit Cookies kinderleicht herstellen, lautete die Kritik, und sie wurde in wenigen Tagen so massiv, dass sich Google-Mitgründer Sergey Brin bereits Mitte April 2004 veranlasst sah zu erklären, sein Unternehmen werde schon bald „den Schutz der Privatsphäre wirklich verbessern“.
Dazu ist es in den vergangenen zehn Jahren nicht nur nicht gekommen. Sondern der Privatsphären-Deal war für Google ein Erfolg: Aus dem mittelständischen Unternehmen wurde ein Weltkonzern, der mit seiner Suchmaschine in vielen Ländern der Welt die Monopolstellung hat. In Deutschland liegt Googles Marktanteil bei 92 Prozent, auf Platz zwei folgt Microsoft Bing mit drei Prozent. Google dominiert den Online-Werbemarkt, Googles Youtube ist die größte Videoplattform der Welt, Googles Smartphone-Betriebssystem Android hat in aller Welt einen Marktanteil von mehr als 80 Prozent. Google dominiert die Digitalökonomie, es hat in vielen Bereichen eine marktbeherrschende Stellung, und etliche Mitbewerber kritisieren, dass diese Position missbraucht wird, um beispielsweise eigene Produkte in der Suche besser und prominenter darzustellen als die der Wettbewerber.
Das Mitlesen der Google-Mail hat inzwischen einen völlig anderen Stellenwert als vor zehn Jahren. Was damals skurril war und im Rahmen moralischer Erwägungen diskutiert wurde, hat inzwischen eine ökonomische Dimension. Google liest die E-Mail mit und richtet das Internet nach der jeweiligen Person aus. Es geht nicht mehr allein um Anzeigenkunden, sondern um die Art und Weise, wie dem Google-Nutzer die digitale Welt gezeigt wird. Persönliche Daten werden genutzt, um Suchergebnisse nach politischer Einstellung, berechnetem Wohlstand, individuellen Lebensumständen, Alter, Geschlecht und sexueller Orientierung zu filtern. Man kann es selbst ausprobieren, indem man, eingebucht in Google, stöbert und zum Vergleich ausgebucht in einem gesäuberten Browser, der noch keine Cookies gespeichert hat. Die Unterschiede sind verblüffend. Man muss also gar nicht erst den NSA-Abhörskandal oder die Moral bemühen, um die heutige Brisanz des E-Mail-Scannens zu erkennen. Vint Cerf, einer der legendären Gründerväter des Internets und mittlerweile bei Google als „Chief Internet Evangelist“ tätig, brachte es auf den Punkt: „Wenn alles verschlüsselt wäre, würde unser System nicht funktionieren, so arbeitet unser Geschäftsmodell.“
In seinen englischen Geschäftsbedingungen verankert
Nun hat Google nach zehn Jahren das Ausforschen von E-Mails sogar in seinen englischen Geschäftsbedingungen verankert. Hier heißt es: „Unsere automatisierten Systeme analysieren Ihre Inhalte (inklusive E-Mails), um Ihnen persönlich relevante Funktionen unserer Dienste zu bieten, darunter personalisierte Suchergebnisse und Werbung. Die Analyse erfolgt, wenn Inhalte versendet, empfangen und gespeichert werden.“
Diese Formulierung ist entstanden, nachdem in den Vereinigten Staaten mehrere Klagen gegen Google wegen Verletzung der Privatsphäre eingereicht worden waren. Google öffne und lese illegalerweise private Mailnachrichten und eigne sich die Inhalte an, heißt es in einer Sammelklage vor dem kalifornischen Bezirksgericht in San Jose. Die Kläger weisen darauf hin, dass von dieser „abgehörten Kommunikation“ nicht nur Gmail-Nutzer betroffen seien, sondern auch die Kunden anderer E-Mail-Anbieter, die Nachrichten an eine Gmail-Adresse senden. Denn auch deren Kommunikation würde gescannt. Google sieht in diesen Klagen die „Kriminalisierung normaler Geschäftspraktiken“. Gmail-Nutzer wüssten, dass Google auf jegliche Kommunikation, die über seine Server läuft, zugreifen könne und das auch tue. Auch wer kein Kunde von Google sei, müsse mit einem solchen Vorgehen rechnen.
Gegen die Überwachung und Datensammlung durch Google wenden sich auch amerikanische Studenten, die an vielen Universitäten verpflichtet werden, die Schulvariante von Gmail („Apps for Education“) zu nutzen. Ein Google-Sprecher hat mittlerweile bestätigt, dass Google alle Daten der „Apps for Education“ scannt, indiziert und verarbeitet. Das geschehe auch dann, wenn Studenten während ihrer Registrierung der Datensammlung ausdrücklich widersprechen. Laut Google handele es sich um „automatisierte Prozesse, die nicht abgeschaltet werden können“.
