
Vincent Cassel spielt im Kino meistens die harten, die bösen Jungs. Jetzt ist ausgerechnet er in einem Märchen zu sehen. Ein Gespräch über Träume, Krisen, das nervige Berlin – und französische Liebesgeschichten, die immer damit enden, dass der Blumenhändler mit der Sekretärin schläft.
Das Auffälligste an Vincent Cassel ist diese Spannung. Er sitzt, in einen hellblauen Pullover gekleidet, auf dem Sofa in einem Hotel in Paris und wirkt, als wäre er jeden Moment in der Lage, einfach aufzuspringen. Nicht, dass er ungehalten wäre. Im Gegenteil, er ist aufmerksam und freundlich, und doch lauert hinter dieser wohlerzogenen Art eine Unruhe, die ihn fremd wirken lässt in dem edel eingerichteten Raum, in dem er Rede und Antwort zu seinem neuem Film steht.
Vincent Cassel ist 47 Jahre alt und ein Schauspieler, der lieber spielt als redet – vor allem spielt er gerne bad guys: Er gab beispielsweise den schillernden Verbrecher Jacques Mesrine (in „Public Enemy No. 1“), einen sadistischen Balletttrainer (in „Black Swan“) und ein verlorenes Vorstadtkind (in „Hass“). Er war aber auch schon als tougher Kommissar in „Die purpurnen Flüsse“ zu sehen und als George Clooneys charmanter, am Ende aber unterlegener Gegenspieler in „Ocean’s 12“. Jetzt spielt er in „Die Schöne und das Biest“ zu sehen, einem Film, der in dieser Woche in den deutschen Kinos anläuft und der ein quietschbuntes, von Tausenden Schmetterlingen und Blumen bevölkertes Wohlfühl-Epos geworden ist.
Monsieur Cassel, Sie haben mal gesagt, Sie wollen, dass die Zuschauer bei Ihren Filmen nie sicher sein können, was sie erwartet. Bei Ihrem neuen Film „Die Schöne und das Biest“ ist die größte Überraschung, dass Sie überhaupt mitspielen. Wieso tun Sie das?
Ja, das ist eher ein Film für Familien, er ist leichter zugänglich als andere. Das war die Wette, die wir von Anfang an eingegangen sind. Bei dem, was heute in Frankreich passiert, glaube ich, dass es wichtig ist, einen Film wie diesen zu machen, der eine Wette eingeht. Wir sind ja im Moment nicht in einer sehr ambitionierten Phase in Frankreich- jeder versucht zu beschützen, was er hat.
Beziehen Sie das aufs französische Kino?
Das Kino spiegelt da nur die Realität wider. Die Leute ziehen sich sehr zurück, man spricht viel von Rassismus und gibt die Schuld immer den anderen – wer etwa mehr verdient, ist zwangsläufig ein Schuft. Und da denke ich, wenn in einer solchen Phase ein Film mit einem so gewagten Einsatz herauskommt wie dieser. . .
Was ist denn gewagt an diesem Film?
Vierzig Millionen Euro.
Für eine Geschichte, die tausend Mal erzählt worden ist.
Nicht tausend Mal, es gibt nur zwei Filmversionen, eine von Cocteau, die aus unserer Generation so gut wie niemand gesehen hat, und eine von Disney.
Aber „Die Schöne und das Biest“ ist doch eine Geschichte, die jeder aus anderen Zusammenhängen kennt, sei es aus der Literatur oder aus Musicals.
So, wie die Geschichte jetzt erzählt wird, kannte ich sie nicht. Die Version vom Disney ist zum Beispiel ganz anders als unsere. Wissen Sie, die Leute gehen sich häufig etwas ansehen, was sie schon kennen. Wenn etwas zu speziell ist, bleiben sie lieber draußen. Es gab Filme, die unglaublich viel Zeit brauchten, bis man sie anerkannte, weil die Leute keinen Zugang zu ihnen fanden. Wenn aber eine Produktion von dieser Dimension einen Klassiker wie „Die Schöne und das Biest“ wiederaufnimmt, bringt das die Leute, anders als man meinen könnte, viel eher ins Kino: „Ah, ,Die Schöne und das Biest‘, das kenne ich!“ Ich glaube, in schwierigen Zeiten wie diesen ist es das, was man sehen will. Man hat Lust zu träumen. Man hat Lust . . .
Sich das Herz zu wärmen.
