Medizin

Krebsmedizin: Die Millionenfrage an Angela Merkel

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Zieht die Kanzlerin in den Krieg gegen Krebs? Ihr Besuch am Deutschen Krebsforschungszentrum am Mittwoch könnte dazu führen, dass wir mit der Entschlüsselung von Patienten-Genomen bald zur Weltspitze gehören.

Vor ein paar Jahren waren sie noch als Weltmeister im Behandeln von Mäusekrebs verschrien, heute sieht man sich an der Schwelle zu einem „weltweiten Zentrum der individualisierten Medizin“ für Krebspatienten. Keine Frage, die Spitze des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) hat große Pläne – für Heidelberg, für Deutschland. Am heutigen Mittwoch, wenn Bundeskanzlerin Merkel aus Anlass des fünfzigjährigen Bestehens der Stiftung DKFZ ins Neuenheimer Feld kommt, soll es deshalb um nichts weniger als um die Frage gehen, welche Rolle die deutsche Medizin im Konzert der großen Forschungsnationen künftig spielen kann.

Es wird um einen hohen zweistelligen Millionenbetrag gehen, wie es heißt. Dahinter freilich steht noch eine andere Frage: Wird Deutschland nach dem verpatzten Einstieg ins Internationale Humangenomprojekt vor zwei Dekaden und der Unfähigkeit der deutschen Forschungs- und Medizininstitutionen dreißig Jahre davor, ein nationales Krebsinstitut von Rang aufzubauen, diesmal rechtzeitig auf den rasenden Zug in die Zukunft aufspringen?

Otmar Wiestler, der wissenschaftliche Vorstand des DKFZ, spricht von einer „unglaublichen Dynamik“ und einer „massiven Aufrüstung weltweit“. Hört man ihn darüber sprechen, wie sich die Krebsmedizin derzeit verändert, bekommt man den Eindruck, dass der in den siebziger Jahren vom amerikanischen Präsidenten ausgerufene „War on Cancer“ jetzt erst richtig beginnt.

Die entscheidende Waffe in diesem neuen Feldzug gegen den Krebs ist die Genomsequenzierung. Je mehr molekulare Informationen erfasst werden, so die Philosophie, desto gezielter lassen sich die Tumore behandeln. Am benachbarten Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen, dem großen Sprössling des DKFZ, in dem die Universitätskliniken mit ins Boot geholt wurden und damit auch die Forschung am Patienten, ist 2013 bereits das Erbgut von mehr als 2000 Krebspatienten entziffert worden. Das Potential liegt bei 7000 Genomen pro Jahr. „Wir sind heute schon das zweitgrößte Sequenzierzentrum Europas“, sagt Wiestler, doch mit den 14 aktuellen Hochleistungsgeräten stoße man an Grenzen. Das Genom eines Patienten ist heute in knapp zwei Wochen vollständig entziffert, die Kosten je Patient belaufen sich, Energie- und Personalkosten eingerechnet, auf einige tausend Euro.

Derzeit verhandelt man in Heidelberg mit der amerikanischen Firma Illumina über eine Partnerschaft und über neue, sechsmal schnellere Sequenzierroboter. Kritiker trauen dem Braten mit der neuen Gerätegeneration zwar noch nicht ganz („Nature“, doi:10.1038/nature.2014.14530), aber Wiestler sieht die Partnerschaft als Riesenchance, sich zu einem von vier oder fünf Krebsgenomzentren der Welt hochzuarbeiten. Ziel ist es, die Sequenzierkapazitäten zu vervierfachen. Dazu bedarf es etwa zehn der neuen Illumina X-Ten-Apparate mit Anschaffungskosten pro Stück von rund zehn Millionen Dollar. Wiestler hat dem DKFZ, seitdem er vor zehn Jahren das Heft vom onkologisch nicht minder visionären Nobelpreisträger Harald zur Hausen übernommen hat, einen massiven Wachstumskurs verpasst. Auf mehr als 3000 Mitarbeiter ist der Personalstand gewachsen. „Entwicklungspartnerschaften“ mit Unternehmen wie Roche, Siemens, SAP, Bayer Health Care und vielen kleineren Firmen hat Wiestler aufgebaut, damit den Forschern kein Hightech abgeht und gleichzeitig Patienten zumindest in Studien schnell an neue Therapien und Diagnostik kommen.

Tatsächlich ist das DKFZ zu einer nationalen Schaltstelle für die Krebsmedizin geworden. Doch das reicht Wiestler nicht. „Bigger is better“, lautet sein Motto – und singt damit das Lied der gesamten Branche. Erst wenn die Genome von Tausenden, ja Millionen Krebspatienten entziffert und miteinander verglichen sein werden, rechnet man damit, genügend abgesicherte molekulare Ansatzpunkte gefunden zu haben, um jeden Krebspatienten individuell und effektiv behandeln zu können. Auch die Bioinformatik muss dazu aufgestockt werden. In Paris, Amsterdam, Cambridge – überall wird expandiert. Alle träumen sie von einem Finale im Kampf gegen den Krebs.

Auf dem Biomedizincampus der University of Cambridge investiert der Pharmariese Astra-Zeneca zwei Milliarden Pfund für sein neues Hauptquartier. Maßstab ist der Branchenprimus aus Texas, die MD Anderson Krebsklinik: 40 000 Neueinweisungen jedes Jahr, ein Budget von fünf Milliarden Dollar und allein 400 Millionen Dollar an privaten Spenden jedes Jahr. Das Budget des DKFZ: 200 Millionen Euro. Immerhin, sagt Wiestler, „dafür stehen wir wissenschaftlich gut da.“