
Wer hört der FDP noch zu? Und wem hört die FDP selbst zu? Ihr Spitzenkandidat für die Europawahl, Alexander Graf Lambsdorff, hat es jedenfalls schwer mit seiner Partei.
Anfang des Jahres hielt Alexander Graf Lambsdorff eine Rede über Europa. Für ihn war das eine ziemlich wichtige Sache. Er bewarb sich um die Spitzenkandidatur der FDP bei der Europawahl Ende Mai. Vielleicht würde in letzter Sekunde noch jemand gegen ihn antreten? Lambsdorff hatte sich gut auf die Rede vorbereitet, er hatte ausprobiert, welche Themen zünden, griffige Formulierungen gesucht. Nun also stand er auf der Bühne im großen Tagungssaal eines Hotels in Bonn, seiner Heimatstadt. Doch niemand hörte richtig zu.
Es war sogar noch schlimmer: Die Parteitagsdelegierten schwätzten miteinander, als säßen sie beim Bier in der Kneipe zusammen. Es gab ja auch eine Menge zu erzählen. Man traf sich zum ersten Mal seit der bitteren Niederlage bei der Bundestagswahl, mehr als neunzig Abgeordnete hatten ihr Mandat verloren, Hunderte Mitarbeiter ihre Stellen. Die alte Funktionspartei FDP fand sich plötzlich in der außerparlamentarischen Opposition wieder. Europa? War da nicht so wichtig.
Babbeln wie am Stammtisch
Vor Lambsdorff hatte Christian Lindner gesprochen, der neue Parteichef. Lindner plusterte sich auf, er hielt eine schneidige Rede mit eintrainierten Pointen, er griff die große Koalition an und wurde immer lauter. Dagegen konnte man gar nicht anreden unten im Saal. Also hörten die Delegierten zu, Lindner bekam ordentlichen Beifall, die Leute standen am Ende von den Sitzen auf. Nach einer Minute nahmen sie wieder Platz und tratschten weiter.
Alexander Graf Lambsdorff hat nicht so eine markerschütternde Stimme wie sein berühmter Onkel Otto. Der hätte nie vor einem Saal gesprochen, der ihm nicht zuhört. Aber natürlich hörten ihm die Leute sowieso zu. Otto Graf Lambsdorff, der knorrige „Marktgraf“, war eine Autorität in seiner Partei. Seinem Neffen schadet das nicht, die Delegierten in Bonn wählten ihn am Ende mit 86 Prozent klar zu ihrem Spitzenkandidaten. Es setzt ihn aber auch einem permanenten Vergleich aus, schon weil er mit zunehmendem Alter dem Onkel immer ähnlicher sieht. Die markante Nase, die tief liegenden Augen, die hohe Stirn, das schüttere Haar – alles Marke Lambsdorff.
Permanent unter Konsenszwang
Alexander Graf Lambsdorff ist der Mann der leisen Töne, des ruhigen Abwägens und sachlichen Argumentierens. Das sind die Qualitäten, die in Brüssel und Straßburg gefragt sind. Lambsdorff, 47 Jahre alt, sitzt seit zehn Jahren für die FDP im Europäischen Parlament. Da spielt die Musik nicht in Plenardebatten, sondern in Ausschüssen und Arbeitsgruppen. Abgeordnete sind als Berichterstatter für spezielle Themen zuständig- wer in der Auseinandersetzung mit der Kommission und den Mitgliedstaaten einen Punkt machen will, muss sich tief einarbeiten. Und später, im Parlament, eine breite Mehrheit organisieren. Es gibt in Brüssel weder Regierungsparteien noch Opposition, nur Fraktionen, die wechselnde Mehrheiten bilden. In den Fraktionen treffen wiederum Abgeordnete aus vielen Mitgliedstaaten aufeinander. Mit einem Wort: Es herrscht permanent Konsenszwang.
Das ist Lambsdorffs Welt. Seine Augen glühen, wenn er vom ständigen Interessenausgleich über Ländergrenzen hinweg spricht. Er sieht die Europäische Union als Instanz, die durch Vermittlung Europa fairen Wettbewerb beschert – und das sei schließlich ein urliberaler Gedanke. Lambsdorff ist der Gegenentwurf zu FDP-Europaskeptikern wie Frank Schäffler- er steht für die europafreundliche Traditionslinie der Partei, und er hat auch ein entsprechendes Wahlprogramm durchgesetzt.
Liebe zu Brüssel
Lambsdorff liebt das multikulturelle Brüssel, in dem sich Identitäten – regionale, nationale und parteipolitische – überlagern und auflösen. Er selbst wechselt spielend zwischen Englisch, Französisch und Flämisch hin und her. Kein Wunder, er ist in Brüssel groß geworden. Sein Vater Hagen war Journalist beim „Spiegel“, da bekam er 1973 das Angebot, als Sprecher an die deutsche EU-Vertretung in Brüssel zu wechseln. Damit begann eine diplomatische Karriere, die auf den Sohn abfärbte.
