
Eine feindliche Übernahmeofferte für den Botox-Hersteller Allergan und ein großer Beteiligungstausch von Novartis und Glaxo Smith Kline wirbeln die Branche durcheinander.
Die Pharmaindustrie weckt Erinnerungen an das Jahr 2009. Damals ging es schon einmal Schlag auf Schlag mit Großübernahmen von Arzneimittelherstellern, besonders in den Vereinigten Staaten: Pfizer kaufte Wyeth, Merck &- Co. übernahm Schering-Plough. Nun wird die Branche wieder vom Übernahmefieber gepackt: Am Dienstag wurden gleich mehrere milliardenschwere Transaktionen verkündet: Der kanadische Pharmakonzern Valeant macht ein Übernahmeangebot im Wert von mehr als 45 Milliarden Dollar (33 Milliarden Euro) für Allergan, dem Hersteller des Antifaltenmittels Botox aus den Vereinigten Staaten. Die Offerte ist feindlich, also nicht mit dem Management von Allergan abgestimmt.
Der Schweizer Novartis-Konzern stößt unterdessen einen Großumbau an und erwirbt für bis zu 16 Milliarden Dollar das Krebsmittelgeschäft des britischen Wettbewerbers Glaxo Smith Kline (GSK). Im Gegenzug gibt Novartis seine Impfmittelsparte an die Briten ab. GSK und Novartis legen außerdem ihre Geschäftsfelder für rezeptfreie Medikamente und Gesundheitspflegeprodukte wie Voltaren und Sensodyne zusammen. Dadurch entsteht weltweit die Nummer zwei in diesem Markt mit einem Jahresumsatz von umgerechnet rund 8 Milliarden Euro. Novartis verkauft außerdem sein Tiergesundheits-Geschäft an den amerikanischen Pharmakonzern Eli Lilly.
In den vergangenen Tagen haben außerdem Medienberichte über eine noch viel größere Transaktion die Branche in Aufregung versetzt. Darin hieß es, Pfizer habe informelle Gespräche über einen Kauf des britisch-schwedischen Wettbewerbers Astra-Zeneca geführt. Der mögliche Kaufpreis: mehr als 100 Milliarden Dollar. An der Börse sorgten die Milliardentransaktionen und Übernahmespekulationen am Dienstag für steigende Kurse. Die Notierungen von GSK und Astra-Zeneca legten im Handelsverlauf in London jeweils um rund 6 Prozent zu. In Zürich und New York stiegen die Notierungen von Novartis und Eli Lilly. Auch die Aktienkurse von Valeant und Allergan kletterten nach der Übernahmeofferte nach oben.
Hinter diesen Manövern stehen verschiedene Beweggründe. Übernahmen in der Pharmaindustrie werden oft von der Schwäche in den eigenen Forschungslaboren getrieben. Unternehmen schaffen es nicht, aus eigener Kraft zu wachsen, vor allem wenn sie mit Patentabläufen wichtiger Medikamente und damit verbundener Konkurrenz billiger Nachahmermittel zu kämpfen haben. In dieser Lage ist der amerikanische Marktführer Pfizer schon seit mehreren Jahren, und damit würde sich wohl ein neuer Akquisitionsversuch erklären.
Novartis dürfte es bei seinem Umbau vor allem darum gehen, sich stärker auf sein Kerngeschäft als Arzneimittelhersteller zu konzentrieren. GSK wiederum will weniger abhängig von der zwar im Erfolgsfall hochprofitablen, aber teuren und riskanten Entwicklung neuer Medikamente werden. Die Briten steigen deshalb aus dem wachstumsträchtigen Markt für Krebsmedikamente weitgehend aus und verstärken andere Säulen ihres Geschäfts wie die Impfstoffe und die Gesundheitspflege.
