
Der Erreger der Amöbenruhr nagt Darmzellen nicht an, um Energie zu gewinnen – er bahnt sich nur einen Weg, demonstrieren jetzt Forscher in „Nature“.
Vor allem in Entwicklungsländern grassiert die Amöbe Entamoeba histolytica, wo sie meistens durch verseuchtes Wasser in den Dickdarm der Opfer gelangt und schwere Durchfallerkrankungen verursacht. Unbehandelt zersetzt der Parasit allmählich die Darmwand und kann dann Abszesse im Körper hervorrufen, die zum Tode führen.
Wie E. histolytica vorgeht, um die Darmzellen zu zerstören, schien bis jetzt etabliert: Man ging davon aus, dass die Amöbe zuerst Toxine ins Innere der Zellen einschleust, um diese zu töten, und dann die leblosen Körper verschlingt. Nun zeigen Forscher um Katherine Ralston von der University of Virginia in Charlottesville in der Zeitschrift „Nature“, dass der Zerstörungsprozess offensichtlich andersherum stattfindet: Die Amöbe knabbert die Zellen bei lebendigem Leib an, bis diese an schwerwiegenden Verluste von Zellinhalten zugrunde gehen.
Eine Bahn in das Dickicht der Darmzellen
Innerhalb einer Minute, nachdem der Parasit an seine Zielzelle angedockt hat, fängt er an, sie anzufressen, beobachteten die Forscher mittels konfokaler Mikroskopie an lebenden Zellen. Nach ungefähr fünfzehn Minuten, wenn das Opfer den schweren Folgen erlegen ist, löst E. histolytica sich ab und geht zur nächsten Beute über. Dass E. histolytica die Reste ihrer Opfer zurücklässt, ohne sie vollständig zu verdauen, weise laut den Forschern darauf hin, dass sie diese Maßnahme nicht ergreift, um daraus Energie zu gewinnen – diese sei leichter aus den im Darm im Überfluss vorhandenen Bakterien zu gewinnen. Vielmehr könne sie sich so eine Bahn in das Dickicht der Epithelzellen des Darms graben, die zu groß sind und zu sehr aneinander haften, um als Ganzes verdaut zu werden. So gelange die Amöbe schließlich ins Innere des Organismus, wo sie sich weiterhin verbreiten könne.
Bis jetzt wurde dieser Prozess der „Trogozytose“ (vom griechischen Wort für „nagen“) nur zwischen Immunzellen beobachtet: Ihn nutzen zum Beispiel T-Lymphozyten, um Merkmale eines Infektionserregers aus der Oberfläche von spezialisierten Präsentierzellen zu verinnerlichen und sich dagegen zu aktivieren. Dabei sterben die Präsentierzellen allerdings nicht. Dass Trogozytose auch von dem uralten Parasit E. histolytica verwendet wird, zeigt, dass dieser Mechanismus des Substanz-Transfers aus evolutionärer Sicht viel früher entstand als bis jetzt angenommen.
