
Die Kunst-Autos von BMW sind inzwischen Legende: Gestaltet von Andy Warhol oder Jeff Koons und bei großen Rennen im Einsatz. Jetzt erzählt ein großartiges Bilderbuch die Geschichte der Art Cars.
Doch, durchaus, sie können fahren – und wie! Und nicht wenige von ihnen waren auch im Renneinsatz, manche bei den 24 Stunden von Le Mans, der Königsklasse der Tourenwagen. Die Flotte der Art Cars aus den Bayerischen Motoren-Werken umfasst inzwischen 17 Autos, und es sind die Schönsten der Modelle. Es sind die Schönsten, weil BMW erstens für diese sehr spezielle Serie nur die besten Pferde aus dem eigenen Stall genommen hat, und es sind die Schönsten, weil jedes einzelne Auto von einem Künstler gestaltet ist. Lauter Unikate also – keineswegs meistbietend verscherbelt, sondern gehegt und gepflegt, nach allen Regeln museal bewahrt.
Ein opulentes Bilderbuch dokumentiert jetzt die Geschichte dieser singulären Automobil-Sammlung, die 1975 begann, als sich der Rennfahrer und Kunst-Fan Hervé Poulain und der damalige BMW-Motorsportdirektor Jochen Neerpasch zusammentaten, um etwas Noch-nicht-Dagewesenes zu machen, nämlich ein Auto auf die Strecke von Le Mans zu schicken, dessen Optik ein Künstler verantwortet. Poulain ist im europäischen Kunstmarkt eine bekannte Figur: Seit 1969 schon ist er „Commissaire-priseur“, also staatlich vereidigter Versteigerer, und seit 2002 ist er im französischen Auktionsmarkt erfolgreich mit Kollegen unter dem gemeinsamen Label Artcurial.
Gewinne, aber fahr vorsichtig
Poulain also wollte ein bemaltes Auto – und dieses natürlich selbst fahren! BMW ließ ihn sogar den Künstler selbst auswählen. Dem Kunsthistoriker Thomas Girst, der für die Werkskommunikation zuständig ist und den Art-Cars-Band herausgegeben hat, antwortet Poulain entwaffnend auf die Frage, warum er sich für Alexander Calder, den amerikanischen Schöpfer der berühmten „Mobiles“, entschied: „Weil Calder die bewegte Skulptur erfunden hat. Außerdem sollte dies ein Geschenk an die Besucher des 24-Stunden-Rennens von Le Mans sein, die meist mit zeitgenössischer Kunst nicht unbedingt vertraut sind.“
Calder, damals schon 77 Jahre alt, hatte den nötigen Humor und schmückte den schnuckeligen 3-Liter-6-Zylinder-CSL, der mit 430 PS immerhin 270 Kilometer in der Stunde Spitze fuhr, in den klassischen Calder-Farben Blau, Rot und Gelb – nicht ohne Poulain am Start die Bitte mitzugeben: „Hervé, gewinne, aber fahr’ vorsichtig!“
Nun ja, Hervé schied leider aus. Aber das Auto ist noch heil – und hat eine charmante Tradition begründet, die sich nicht dem Zwang zu regelmäßiger Produktion unterwirft. Natürlich dienen der 3.0 CSL und seine 16 Nachfolger der Imagepflege für den deutschen Autobauer, der die Kundschaft seiner teuren Flaggschiffe genau dort sieht, wo auch Geld für Kunst locker sitzt – und umgekehrt. Entsprechend folgten rasch hintereinander Art Cars etablierter Marktkünstler: von Frank Stella (1976) oder Roy Lichtenstein (1977), der einen 320er mit Sonnenaufgang und Sonnenuntergang auf den Türen verzierte, mit seinen typischen Rasterpunkten und mit schwungvollen Lineaturen.
Etablierte Künstler für eine charmante Tradition
Es trat dann Andy Warhol (1979) an, der einen M1 nicht etwa mit Marilyn, sondern ganz im Stil des Abstrakten Expressionismus anmalte, weil ihm das mehr nach Geschwindigkeit aussah. Übrigens schafften es Lichtensteins hübsches Auto und das schnittige Warhol Car in Le Mans auf die Plätze neun und sechs, mit Poulain am Steuer.
Gibt es Lieblingsautos? Unbedingt. Es war Jenny Holzer, die 1999 den ersten echten Boliden aus der Phalanx gestaltete. Genauer gesagt, hat sie ihn beschriftet, diesen geschmeidigen V12 LMR, der aus seinen 580 PS satte 340 Stundenkilometer herausholt. Sie tätowierte das Auto mit ihren „Truisms“, Binsenweisheiten: „Protect me from what I want“ schreibt sie ihm auf den Leib, auf den Heckspoiler: „Lack of charisma can be fatal“. So weit, so wahr.
Auch Holzers Kommentar ist schlagend: „Ich mag mein Auto, weil es verschiedene Bedeutungen hat, in der Dunkelheit glüht, den Himmel widerspiegelt, weiß und strahlend ist, schnell fährt und viel Lärm macht.“ Was auch sonst soll ein Auto für eine Frau machen? In Le Mans kam ihr V12 LMR aber doch nur bis zur Vorqualifikation.
Bis zum nächsten Art Car vergehen dann acht Jahre. Ein bisschen entspricht das dem Turnus des Kunstmarkts, der ebenfalls vorübergehend in die Knie ging. Zugleich waren es jene Jahre, in denen BMW vom rechten Weg des Designs abkam zugunsten fröhlicher Rundungen um die Hüften seiner Wagen. So betrachtet ist es nicht falsch, dass Olafur Eliasson 2007 den niedlichen H2R, das Wasserstoffantrieb-Versuchsmodell mit Kindchenschema, unter einer Art Iglu eingefroren hat.
Es ist dann Jeff Koons, der 2010 das bisher letzte Art Car erschafft – und den steilen M3 GT2 mit seinen 500 PS zum knallbunten fun car macht, dem er Stromlinien auf den Leib schneidert. Jeff Koons und Jenny Holzer sind die bekennend narzisstischen Genießer unter den Art-Car-Schöpfern. Sie zeigen das Besteck in seiner ganzen Pracht vor. Überhaupt sind die Zeiten von boys need toysvorbei. Längst haben die Frauen ihre Spielzeuge und bestimmen, wie sie auszusehen haben, damit sie richtig Spaß machen. Das gilt für zeitlose Autos genauso wie für die zeitgenössische Kunst.
