Medizin

Mers-Coronavirus: Wer hat wen angesteckt?

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Das beim Menschen neu aufgetretene Virus Mers-CoV kursierte schon lange unter Dromedaren. Wissenschaftler sehen den Fall inzwischen als Beispiel dafür, wie eng die Tiergesundheit mit Krankheitsrisiken des Menschen verbunden ist.

Neue Infektionskrankheiten treten nicht aus dem Nichts heraus auf. Sechzig Prozent aller Erreger, die den Menschen krank machen, kommen aus dem Tierstall oder der freien Wildbahn. Krankheiten wie HIV, Schweinegrippe oder Sars haben eine direkte Verbindung zur Tierwelt. In diesen Fällen sind Affen, Schweine und Zirbelkatzen die Spießgesellen gewesen. Jetzt geht es darum zu klären, wo das neuartige Coronavirus Mers-CoV herkommt, das vor zwei Jahren erstmals auf der Arabischen Halbinsel aufgetaucht ist. Bis zum 20. Januar hatten sich nachweislich 178 Personen infiziert, 76 Personen waren gestorben. Seit Monaten werden Dromedare als Ansteckungsquelle genannt, und es gibt viele gute Gründe, anzunehmen, dass dies auch tatsächlich der Fall ist – trotzdem bleiben Fragen offen.

So ist es bisher nicht gelungen, infektiöse Viruspartikel bei Dromedaren zu finden, die eine Infektionskette auslösen könnten. Bart Haagmans vom Erasmus Medical Center in Rotterdam und seine Kollegen haben allerdings bei drei Dromedaren von einer Farm in Qatar Nukleinsäuren von Mers-CoV sichergestellt und so nachgewiesen, dass das Virus bei den Dromedaren tatsächlich vorhanden gewesen sein muss. Die Wissenschaftler konnten aus den ermittelten Teilsequenzen auch die Gesamtsequenz rekonstruieren. Diese ist bis auf zwei Austausche identisch mit dem Isolat, das auch schon bei dem erkrankten Farmbesitzer und seinem kranken Stallknecht gefunden worden war. Dieser Umstand belege, dass Mers-CoV bei Dromedaren und Menschen nebeneinander existiere, schreiben Haagmans und seine Kollegen in „Lancet Infectious Disease“ (Bd.14, S.140), er zeige allerdings nicht, wer wen angesteckt habe oder ob sich die beiden Männer aus einer anderen Quelle infiziert hätten. Die Richtung der über die Artgrenzen hinweggehenden Ansteckung ist also nach wie vor offen.

Die meisten Dromedare haben eine Infektion durchgemacht

Sicher ist hingegen, dass die meisten Dromedare auf der arabischen Halbinsel bereits eine Mers-CoV-Infektion durchgemacht haben. Bei der Untersuchung von 651 Blutproben von Tieren aus den Arabischen Emiraten haben Christian Drosten von der Universität Bonn und seine Kollegen in fast jeder Probe Antikörper gegen das Virus gefunden. Die Dromedare müssen also irgendwann einmal eine Immunreaktion gegen Mers-CoV eingeleitet haben. Knapp ein Viertel der untersuchten Blutproben waren schon 2003 aus anderen Gründen sichergestellt worden. Auch diese Proben enthielten Antikörper gegen Mers-CoV.

Das zeige, dass die Dromedare schon einige Zeit vor dem Auftreten beim Menschen regelmäßig mit MersCoV infiziert worden seien, schreibt Drosten in der Zeitschrift „Emerging Infectious Disease“ (doi: 10.3201/eid2004.131746). Das Virus müsse unter den Dromedaren in der Region also schon länger präsent sein. Bei Rindern, Ziegen, Schafen oder anderen engen Verwandten der Kamele wurden bisher keine Antikörper gefunden. Auch Dromedare aus deutschen Zoos haben keine Antikörper gegen das Virus.

Nur wenige Fälle in Europa

Neben der Frage, wer wen beim aktuellen Infektionsgeschehen ansteckt, rätseln die Wissenschaftler auch darüber, warum die Infektionen bisher nicht über die Arabische Halbinsel hinausgekommen sind. Die wenigen aus Deutschland, Frankreich, Italien, England, Spanien und Tunesien gemeldeten Fälle lassen sich entweder auf Besuche in der Region zurückführen oder gehen auf enge Kontakte mit Kranken aus der Region zurück. Anders als das Sars-Coronavirus hat sich Mers-CoV also nicht durch den internationalen Flugverkehr in alle Welt verteilt und an den neuen Standorten für weitere Ansteckungen gesorgt. Das Sars-Coronavirus war vor elf Jahren rasch in 29 Ländern aufgetaucht und hatte dort zu weiteren Ansteckungsserien geführt. Erstaunlich sei zudem, so Neil Ferguson und Maria Van Kerkhove vom Imperial College in London in „Lancet Infectious Disease“ (Bd.14, S.93), dass Mers-CoV zwar immer noch auf der Arabischen Halbinsel persistiere, aber dort keine explosive Epidemie auslöse. Seine Beständigkeit in der Umwelt könne vielleicht mit seiner robusten Virushülle zu tun haben.

Die Situation zu Mers-CoV zeigt aufs Neue, dass öffentliche Gesundheit und Tiergesundheit eng miteinander verbunden sind. Deshalb sollte die Eindämmung von Viren in den Tierbeständen auch nicht als nachrangig betrachtet werden. Es könnte sein, dass über die Gesundheit der Weltbevölkerung eines Tages in den Ställen und der freien Wildbahn entschieden wird.