
Es steht im Gesetz: In Deutschland soll jeder Kranke gleich gut versorgt werden, egal wo er wohnt. Doch eine Studie schürt den Verdacht, dass die Überlebenschancen von Krebspatienten sich an der Postleitzahl ablesen lassen. Kann das sein?
PreviewPagemarker“ id=“pageIndex_1″>Manchmal entscheidet die Geographie über Leben und Tod. So fasste der amerikanische Mediziner John Wennberg vor vierzig Jahren das Ergebnis einer Studie zusammen, für die er die Qualität der Gesundheitsfürsorge in den einzelnen Regionen der Vereinigten Staaten untersucht und dabei große Unterschiede festgestellt hatte.
Ob diese Auffassung auch für die heutigen Verhältnisse in Deutschland zutrifft, wollten Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) herausfinden, die ihre Ergebnisse nun im International Journal of Cancer publizierten. Auch im deutschen Gesundheitswesen wirken sich demnach regionale sozioökonomische Unterschiede auf beunruhigende Weise aus. Dabei fordert das Sozialgesetzbuch eigentlich, diese auszugleichen. Doch trotz freier Arztwahl, eines hohen Versorgungsniveaus und eines flächendeckenden Angebots an Gesundheitsleistungen herrscht eine Kluft zwischen Arm und Reich. „Krebsüberleben hängt vom Wohnort ab“ – so lautet der Titel der entsprechenden Pressemitteilung.
Es ist die erste umfassende Untersuchung dieser Art in Deutschland: Daten von einer Million Patienten, die zwischen 1997 und 2006 an einer der 25 häufigsten Krebsarten erkrankten, wurden statistisch ausgewertet. Die Patienten litten etwa an Lungen-, Darm-, Prostata-, Brust- oder Hautkrebs und wurden in den deutschen Landeskrebsregistern erfasst.
Allerdings wurden für die Analyse nicht die genauen Wohnorte der Patienten zugrunde gelegt, sondern die entsprechenden Landkreise – die kleinste Einheit, mit der die Krebsregister agieren, um die Anonymität der Patienten zu wahren. Überdies liegen die meisten der zweihundert Kreise, die für die Auswertung herangezogen wurden, in Bayern, Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Dagegen blieben Hessen, Baden-Württemberg, Thüringen und auch Regionen wie das Ruhrgebiet außen vor. Denn nur wo die Daten seit 1997 einheitlich und lückenlos gesammelt wurden, konnten sie für diese Analyse herangezogen werden.
Dafür nahmen die Epidemiologen eine Einteilung der Landkreise in fünf sozioökonomische Gruppen vor. Als Bezugsgrößen dienten unter anderem das Pro-Kopf-Einkommen, die Arbeitslosenquote sowie die kommunalen Einnahmen und Ausgaben. Aber auch die Häufigkeit von Unfällen im Straßenverkehr, die Zahl der Straftaten oder die Wahlbeteiligung fließen in den sogenannten Deprivationsindex ein, der den jeweiligen Wohlstand von Städten, Regionen oder Ländern in Zahlen ausdrückt. Werner Maier vom Institut für Gesundheitsökonomie und Management im Gesundheitswesen des Helmholtz-Zentrums München hat in diesem Fall sieben Hauptfaktoren miteinbezogen, die „unterschiedliche Dimensionen der Benachteiligung“ widerspiegeln, weil „nicht nur die finanzielle Armut, sondern auch viele andere Aspekte Einfluss auf die Gesundheit nehmen“, sagt Maier.
Aber was haben Indikatoren wie die Zahl der Verkehrsunfälle mit der Überlebenschance eines Krebspatienten zu tun? Ein direkter Zusammenhang bestehe da tatsächlich nicht, sagt Lina Jansen, Erstautorin der Studie und Mitarbeiterin in der Abteilung für Klinische Epidemiologie und Alternsforschung am DKFZ. Allerdings ließen Unfallzahlen Rückschlüsse auf die Sicherheit und das Wohlbefinden in einer Region zu. Der Deprivationsindex biete zudem die Möglichkeit, auch internationale Vergleiche anzustellen.
