Medizin

Der sogenannte „Raucherhusten“: Eine kostspielige Verstümmelung

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Verkannt, verdrängt, vergessen: Eines der häufigsten Erbleiden, Alpha-1-Antitrypsin-Mangel, geht seit einem halben Jahrhundert in einer Masse von „Raucherlungen“ unter. Hilft ein neuer Schnelltest?

Vierzig Jahre war sie damals. Zwanzig bleiben ihr noch. Maximal. Das waren Marion Wilkens’ erste Gedanken. Das war vor vier Jahren. Sie fühlte sich fit. Die Chemieingenieurin und ehemalige Aerobictrainerin hatte gegoogelt: Alpha-1-Antitrypsin-Mangel. So lautete die Diagnose ihres Lungenfacharztes. Der Schock ist ihr heute noch anzumerken. „Der Arzt war so ratlos wie ich“, sagt sie. Das Internet wusste mehr, aber was sie zu lesen bekam, war frustrierend. Und zum großen Teil falsch, wie sie heute weiß. Aus den Werten ihres Lungenfunktionstests und den sogenannten Erfahrungswerten, die sie in den „Alpha-1-Foren“ sammelte, rechnete sie ihre Lebenserwartung hoch. „Ich hatte noch drei Liter Lungenvolumen, aber die Werte verschlechterten sich.“ Zuerst dachte sie an ihr Asthma, ihr Arzt auch. Wenn sie die Schuhe ihrer beiden Kinder schnüren oder mit ihnen die Berge hinaufkraxeln wollte, blieb ihr immer öfter die Puste weg. Mit dreißig hatte sie das Rauchen aufgegeben. Eigentlich sollte es besser werden. Wurde es aber nicht. Aus einem Bauchgefühl heraus entschied sich dann der Arzt zu einem Bluttest. Als herauskam, dass der Blutspiegel an Alpha-1-Antitrypsin (AAT) auffallend niedrig lag, folgte der Gentest. Positiv. Genauer: „ZZ“-Mutationsträgerin. Damit war klar, Marion Wilkens ist schwer krank. Unheilbar krank, nach derzeitigem Stand. Aber das heißt nicht, dass man nichts tun kann – dass sie nichts tun könnte.

Grob geschätzt 15 000 Menschen in Deutschland leben wie sie mit Alpha-1-Antitrypsin-Mangel. Kaum mehr als tausend wissen es. Gut neunzig Prozent bleiben unentdeckt. Und die Situation ist überall gleich. Der Gendefekt kommt in Amerika und Afrika vor, genauso wie in Australien und Europa. Dreieinhalb Millionen Menschen weltweit sind AAT-Patienten, mindestens 117 Millionen Träger einer Mutation. Trotzdem zählt Alpha-1-Antitrypsin-Mangel zu den sogenannten seltenen Krankheiten.

Der Gendefekt ist weiter verbreitet und häufiger als Mukoviszidose, jene andere potentiell tödliche Lungenkrankheit, die ebenfalls auf einen einzelnen Gendefekt zurückzuführen ist. Aber anders als von Mukoviszidose hat von „Alpha-1“ kaum jemand etwas gehört. Das Schlimmste dabei: Das gilt auch für die allermeisten Hausärzte und viele Lungenfachärzte. Wenn ein Patient mit vierzig oder fünfzig Jahren in die Praxis kommt, über häufiges Husten und schnelle Erschöpfung klagt, über Atemnot und schleimigen Auswurf, und sich dann noch als Raucher outet, fragt jeder Arzt zuerst nach Asthma, oder er denkt an eine chronische obstruktive Lungenkrankheit, kurz COPD, die „Raucherlunge“. Ein Volksleiden. Die Weltgesundheitsorganisation erwartet, dass sie in spätestens zehn Jahren die dritthäufigste Todesursache ist. Viele Millionen Menschen in Deutschland leiden daran, jeder zehnte Erwachsene. Meistens erkennen sie das Leiden zu spät. Die Lunge ist in einem Zustand der Dauerentzündung, das Lungengewebe wird zerstört, der Gasaustausch lässt sukzessive nach. Ein paar Jahrzehnte geht das so, nur wenige merken es früh genug. Sie inhalieren und nehmen entzündungshemmende Medikamente, Cortisol-Präparate etwa. Ein Lungenemphysem droht, die Lungenbläschen blähen sich auf, bis schließlich das Lungengewebe kollabiert und ausfällt.

Bei Menschen, die den AAT-Defekt tragen, verläuft die Verstümmelung noch viel dramatischer. Und beginnt schon vor der Geburt. Der Gendefekt im „Serpina1“-Gen führt dazu, dass das Alpha-1-Antitrypsin fehlgefaltet ist. Die Schweden Carl-Bertil Laurell und Sten Eriksson haben schon 1962 in ihren Elektrophorese-Gels entdeckt, dass das intakte Protein im Blut einiger lungenkranker Raucher fehlte. AAT wird in der Leber gebildet und gelangt übers Blut in das Lungengewebe. Dort bildet es einen molekularen Schutzschild. Es hilft im Kampf gegen Infektionen, vor allem aber gegen die Schädigungen durch Tabakrauch. Genau genommen blockiert das Alpha-1-Antitrypsin die Elastase, ein von Abwehrzellen – Granulozyten – abgegebenes Enzym. Es wird immer dann aktiv, wenn Schadstoffe in die Lungenbläschen gelangen. Elastase eliminiert sie, allerdings vermag das Enzym nicht zwischen eigener Lunge und Fremdkörpern zu unterscheiden. Würde AAT die Elastase nicht stoppen, würde das Gewebe ständig vom eigenen Enzym attackiert. Genau das passiert bei Alpha-1-Patienten.