Inland

Allensbach-Analyse: Anfang vom Ende der Politikverdrossenheit?

• Bookmarks: 23


Am Stammtisch wird gerne über Politik und Politiker geschimpft. Negative Klischees haben sich eingebrannt. Zumindest die großen Institutionen genießen aber (wieder) Ansehen. Und eine geringe Wahlbeteiligung muss nichts mit Politikverdrossenheit zu tun haben.

Die Umfrageforschung gilt in der Öffentlichkeit meist als Instrument der kurzfristigen, ganz der Gegenwart verhafteten Information. Man nennt Umfrageergebnisse oft „Momentaufnahmen“, und das ist auch korrekt: Umfragen spiegeln das gesellschaftliche Klima lediglich zum Zeitpunkt der Befragung wider. Am Tag nach Abschluss der Feldarbeit kann sich das Meinungsbild ändern.

Dennoch ist es ein Irrtum, anzunehmen, Umfragen seien lediglich eine Art Fastfood der Informationsgesellschaft. Ihre ganze Aussagekraft entfaltet die Methode erst, wenn die aktuellen Ergebnisse mit Resultaten aus der Vergangenheit verglichen werden können, die die Meinungsbildung über Jahrzehnte hinweg sichtbar werden lassen. Doch da die moderne Umfrageforschung vergleichsweise jung ist – sie wurde in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten entwickelt und Ende der vierziger Jahre in Deutschland eingeführt -, ist die Zahl der Fälle, in denen man Vergleiche über lange Zeiträume anstellen kann, bisher eng begrenzt, zumal man oft feststellen muss, dass die Themen, die Forscher in der Vergangenheit beschäftigt haben, andere sind als die, für die man sich heute rückblickend interessieren würde.

Rhythmus der Zeitgeistzyklen

Dennoch wächst, mehr als sechzig Jahre nach Einführung der Repräsentativumfrage in Deutschland, die Zahl der Fälle, in denen man Umfrageergebnisse über Jahrzehnte hinweg verfolgen kann, und allmählich zeichnet sich der Rhythmus der Zeitgeistzyklen ab, die die Gesellschaft prägen, gleichsam die Atemfrequenz des Meinungsklimas. Ein Beispiel hierfür ist die Generationenkluft, die die westdeutsche Gesellschaft lange Jahre prägte.

Die ersten Anzeichen für ein Auseinanderdriften der Wertvorstellungen jüngerer und älterer Menschen zeigten sich in den späten fünfziger Jahren. In den siebziger und achtziger Jahren gab es dann, wie international vergleichende Studien zeigten, in der Bundesrepublik deutlich mehr Konflikte zwischen Eltern und Kindern als in vergleichbaren anderen Ländern, bis die Generationskluft Mitte der neunziger Jahre binnen weniger Jahre geradezu in sich zusammenfiel und sich auf ein im internationalen Vergleich unauffälliges Niveau einpendelte. Zwischen den ersten Anzeichen des Phänomens und dem Ende der Entwicklung lagen rund 35 bis 40 Jahre.

Weizsäckers These von der „Parteiendemokratie“

Zu einem weiteren Beispiel für eine langfristige Entwicklung des Zeitgeistes, die ihren Höhepunkt überschritten hat, könnte sich das Thema Politikverdrossenheit entwickeln. Sie ist spätestens seit 1992 in der öffentlichen Diskussion. Damals hatte Bundespräsident Richard von Weizsäcker den Zustand der deutschen Demokratie scharf kritisiert. Deutschland, so sagte er, sei zu einer „Parteiendemokratie“ geworden.

Die Parteien hätten ihre Macht weit über die ihnen im Grundgesetz zugedachte Rolle hinaus ausgedehnt, beherrschten die Verfassungsorgane und versuchten zu verhindern, dass sich die Bürger stärker am demokratischen Prozess beteiligten. Weizsäckers Thesen erzeugten ein derart starkes Echo, dass man annehmen muss, dass er eine bis dahin zwar nicht öffentlich sichtbare, aber unterschwellig bereits seit längerem existierende Strömung des Zeitgeistes erkannt, aufgenommen und an die Öffentlichkeit getragen hatte. Tatsächlich war, wie die Allensbacher Umfragen zeigen, bereits spätestens seit den frühen achtziger Jahren das Ansehen wichtiger öffentlicher Institutionen wie des Bundestages oder der Bundesregierung gesunken. Und weil gleichzeitig die Wahlbeteiligung bei Landtags- und Bundestagswahlen zurückging, wird bis heute fälschlicherweise oft angenommen, dass niedrige Wahlbeteiligungen eine Folge von Politikverdrossenheit seien.