Mensch & Gene

Partnerwahl der Ur-Europäer: Vom jungen Boom der Blonden und Blauäugigen

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Unsere europäischen Vorfahren hatten eine dunklere Pigmentierung von Haut, Haaren und Augen. Dann war plötzlich heller gefragt. War es der Sexappeal der blauen Augen?

Vor etwa 5000 Jahren war der typische Europäer noch ein deutlich dunklerer Menschentypus als heute. Erst danach haben offenbar starke evolutionäre Kräfte dafür gesorgt, dass die Menschen zumindest in Europa insgesamt heller wurden. Das zeigen Analysen von Erbsubstanz, die man aus alten Skelettknochen von prähistorischen Populationen in Osteuropa gewonnen hat. Wissenschaftler der Universität Mainz haben zusammen mit Kollegen aus Berlin und Kiew sowie vom University College London nach Veränderungen im Genom gesucht und die Ergebnisse in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht.

Bei ihren Analysen sind den Forschern um Sandra Wilde vom Mainzer Institut für Anthropologie unter den vielen genetischen Markern besonders jene aufgefallen, die mit der Pigmentierung von Haut, Haaren und Augen in Zusammenhang stehen. Das bestätigt frühere Befunde, wonach die prähistorischen Menschen im Durchschnitt dunkler waren als ihre Nachfahren. „Über Jahrhunderttausende war die menschliche Evolution eigentlich von einem dunklen Phänotyp geprägt. Alle unsere frühen Vorfahren waren dunkel“, sagt Wilde. Das änderte sich offenkundig, als die frühen Menschen vor etwa 50.000 Jahren begannen, die nördliche Hemisphäre zu besiedeln. „Gerade in Europa finden wir eine recht hohe Variabilität an Pigmentierung“, sagt Karola Kirsanow, Mitautorin der Studie. Dennoch hätte man nicht damit gerechnet, dass die Selektion in den vergangenen fünf Jahrtausenden noch so stark war.

Umweltanpassung oder selektiver Gruppenzwang?

Die Wissenschaftler haben dafür mehre Erklärungsmöglichkeiten: Die naheliegende sei die Anpassung der Menschen an die verminderte Sonneneinstrahlung in der nördlichen Hemisphäre. „Die meisten Menschen generieren Vitamin D über die Haut infolge von ultravioletter Strahlung im Sonnenlicht. In den nördlichen Breiten wäre das mit dunkler Haut aber weniger effizient gewesen. Da die Menschen hier auch weniger Vitamin D mit der Nahrung aufnahmen, war hellere Haut die vielleicht beste Option“, erklärt Mark Thomas vom University College in London.

Allerdings würde dies nicht die Notwendigkeit einer Veränderung der Haar- und Augenfarbe erklären, entgegnet Sandra Wilde. „Es mag aber durchaus sein, dass ein veränderter Phänotyp, also die hellere Haar- und Augenfarbe, als Signal von Gruppenzugehörigkeit gesehen wurde und sich auf die selektive Partnerwahl ausgewirkt hat.“ Diese sexuelle Selektion, die im Tierreich oft vorkommt, war vielleicht auch eine treibende Kraft der Evolution des Menschen in den vergangenen Jahrtausenden. „Man darf die wissenschaftlichen Befunde nicht so interpretieren, als sei alles, was selektiert ist, auch gut und ausschließlich vorteilhaft. Gerade die durch Partnerwahl hergebrachten Merkmale sind häufig kulturell geprägt und damit eher Geschmackssache denn Anpassung an die Umwelt“, ergänzt Joachim Burger von der Universität Mainz.

Verräterische Veränderungen

Die Wissenschaftler haben einen neuen Ansatz bei ihren Analysen genutzt. Bisher wurden Anzeichen von evolutionär günstigen Mutationen aus bestimmten Strukturen in den Genomen heutiger Europäern abgeleitet. Wilde und ihre Kollegen haben in Computersimulationen nun die Daten der prähistorischen DNA mit den Genomdaten heutiger Europäer verglichen. Die Wissenschaftler werten eine vorgefundene genetische Veränderung als ein klares Zeichen dafür, dass sich eine bestimmte Mutation in der Population ausgebreitet hat, falls sie sich nicht durch normale, generationsübergreifende Zufallsverteilung von Merkmalen erklären lässt.

Die alte DNA wurde aus Skeletten von Menschen extrahiert, die größtenteils der sogenannten Jamnaja-Kultur angehörten. Diese Population kennen Archäologen aufgrund zahlreicher, meist mit Ocker gefärbter Gräber, die unter Grabhügeln angelegt wurden. Die archäologisch bedeutsamen Bestattungen der Jamnaja-Kultur liegen in der Steppenzone zwischen dem Fluss Ural und den östlichen Karpaten vor und datieren zwischen 5100 und 4400 vor heute.

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