
Weshalb sind Touchscreens so beliebt? Ein Frankfurter Forscher weiß es: Das Tippen mit der Fingerkuppe auf Icons und Buchstaben entspricht der ersten vorsichtigen Kontaktaufnahme mit dem Babybrei, wie er sagt.
Es war einmal vor ein paar Jahren, da saß der Designer einer großen Computerfirma zu Hause am Esstisch und schaute zu, wie sich sein kleiner Sohn angeregt mit dem Frühstücksbrei beschäftigte. Der Bub stocherte, rührte und manschte mit den Fingern darin herum, dass es eine Freude war. Neugierig schaute der Vater zu, und plötzlich durchzuckte ihn ein genialer Einfall. Kurze Zeit später brachte seine Firma Handys und Rechner auf den Markt, die fast ganz ohne Tasten und Knöpfe auskamen.
Autor: Sascha Zoske, Jahrgang 1969, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.
So könnte man sich im Lichte neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse die Erfindung des Touchscreens vorstellen. Georg Peez, Kunstpädagoge an der Frankfurter Goethe-Universität, hat Kleinkindern bei der kreativen Auseinandersetzung mit Karottenbrei zugeschaut und dabei die Erfolgsformel für den Sensorbildschirm gefunden: Die Bewegungsmuster, mit denen der reife Mensch auf dem Smartphone E-Mails verschiebt und Internetseiten öffnet, werden schon im zarten Alter von acht bis 13 Monaten erlernt.
Das Tippen mit der Fingerkuppe auf Icons und Buchstaben entspricht laut Peez der ersten vorsichtigen Kontaktaufnahme mit dem Babybrei. Im zweiten Schritt der manuellen Nahrungsanalyse wird der Finger einmal durch die Speise gezogen – die gleiche Bewegung vollführt der Smartphonebesitzer, wenn er die Liste mit seinen Kontaktdaten scrollt. Muster Nummer drei ist das Hin- und Herschwingen des Fingers im Brei- dem entspricht auf dem Smartphone das Entriegeln des gesperrten Bildschirms.
Mit dem Finger
Erkennt das Kind den Brei schließlich als Nahrungsmittel, wendet es – Muster Nummer vier – den Pinzettengriff an, führt die Pampe mit Daumen und Zeigefinger zum Mund und lässt sie hineinfallen. Gelernt ist gelernt, und so hat der Touchscreen-Besitzer später keine Schwierigkeiten, mit den gleichen Bewegungen Bildausschnitte zu verkleinern und zu vergrößern.
Professor Peez ist überzeugt, dass diese Ähnlichkeiten keine Zufälle sind, aber die Geschichte mit dem Designer und seinem Sohn, die glaubt er nicht. Auch die These, dass Touchscreen-Hasser von ihren Eltern immer eins auf die Finger bekommen haben, wenn sie auf dem Esstisch Bilder aus Brei malten, erscheint ihm zu gewagt. Vielleicht sei es ja gerade umgekehrt, spekuliert er: Wer süchtig nach der sensiblen Benutzeroberfläche sei, hole nach, was ihm in jungen Jahren Schelte eingebracht habe.
Auf jeden Fall zeigt sich jetzt, wie treffend das Wort von der digitalen Welt doch ist. „Digital“ heißt ja nichts anderes als „mit dem Finger“.
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