Mensch & Gene

Soziale Systeme: Hoppe, hoppe, Reiter

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Die Biologie zweckmäßiger Vergeudung übertrug der Germanist Karl Eibl auf Gedichte: „Von der Unwahrscheinlichkeit der Lyrik“. Oder hat je ein Kind nach dem Reiter oder den Schnecken gefragt?

Evolutionsbiologische Erklärungen fragen nach dem Nutzen, den etwas einst für das Überleben einer Art gehabt haben mag oder noch immer hat. Im Bereich ästhetischer Sachverhalte hat man so das Naturschöne an Tieren gedeutet: als Lockruf, als anziehendes Gewand, als Signal für Fruchtbarkeit und dergleichen. Biologen sprechen in diesem Zusammenhang von „zweckmäßiger Vergeudung“. Doch wie verhält es sich mit dem Kunstschönen?

Dass es sich beispielsweise bei Gedichten um eine ebenso aufwendige wie „vergeudete“ Form der Kommunikation handelt, mag man so sagen. Aber besitzt Poesie auch eine handgreifliche Zweckmäßigkeit? Der soeben im Alter von 74 Jahren verstorbene Münchner Germanist Karl Eibl hat eine Reihe von Versuchen angestellt, diese Fragen zu beantworten. Eines seiner letzten Manuskripte handelte dabei „Von der Unwahrscheinlichkeit der Lyrik“.

Gedichte als ein Überrest magischer Kommunikation

Unwahrscheinlich ist Lyrik, weil sie sich nicht so einfach ergibt wie das Erzählen in Prosa oder wie die menschliche Wechselrede, die vor allem vom Drama aufgegriffen wird. Außerhalb von Gedichten reimen sich Worte selten in solcher Häufigkeit und folgen so gut wie nie durchgängig einem Rhythmus. Außerdem verlangt Lyrik häufig ganz besondere Anstrengungen, um ihren Sinn zu bestimmen.

Das hat Heinz Schlaffer, einen Stuttgarter Kollegen Eibls, dazu gebracht, Gedichte als einen Überrest magischer Kommunikation zu deuten. Dort nämlich, in der rituellen Beschwörung von Göttern, haben Rhythmus, Reim und Rätselhaftigkeit eine klare Aufgabe. Riten sind stets relativ starre Abläufe. Sie verlangen bestimmte Worte und Handlungen, keinesfalls andere. Schon kleinste Abweichungen zerstören die erhoffte Wirkung. Und Riten eröffnen einen geheimnisvollen Bezirk. Das alles teilen sie mit Lyrik.

Doch wieso, fragte Eibl, erhält sich die strikt gebundene, rätselhafte Rede auch außerhalb religiöser Zusammenhänge? Die Antwort setzt für ihn voraus, die Funktion religiöser Rituale anzugeben: Sie schaffen durch Monotonie Verlässlichkeit in einem hochunsicheren Bereich letzter Lebensorientierungen und kritischer Situationen.

Dazwischen liegt jede Menge Unsinn

Das Ritual teilt – bei Statuspassagen wie Heirat und Tod, aber auch bei Krankheit, Gewissenszweifeln oder Sinnkrisen – mit, dass schon alles seine Ordnung hat, alles in Ordnung kommt, so lange man nur den überlieferten Vorschriften gehorcht. Der Regel zu folgen und dadurch Erwartungen stabil zu halten, ist im Zweifel wichtiger, als nach der Bedeutung des Rituals zu fragen. Schon frühkindliche Erfahrung weiß, dass Verse eine Spielform dieser Krisenberuhigung – etwa bei Langeweile oder Angst vorm Einschlafen – sein können.

Der allseits beliebte Vers „Hoppe, hoppe, Reiter“ zum Beispiel lebt von Wiederholung und Rhythmus, das kleine Lied als Ganzes aber von dem erwartbaren „dann macht der Reiter ,Plumps!‘“ Dazwischen jedoch liegt jede Menge Unsinn („fressen ihn die Raben“, „fressen ihn die Schnecken“) dessen Aufgabe es nicht ist, Kinder über die Nahrungsgewohnheiten von Raben zu unterrichten, sondern das Versschema durchzuhalten. So hat auch noch kaum je ein Kind nach dem Reiter oder den Schnecken gefragt, sondern so gut wie jedes ruft: „Noch mal!“

Das war für Karl Eibl auch schon das Ergebnis der Suche nach den Gründen für die Unwahrscheinlichkeit der Lyrik. Es gebe Lyrik allein schon deshalb, weil sie unwahrscheinlich sei. „Sie weckt Aufmerksamkeit und suggeriert Relevanz, auch dort, wo überhaupt keine da ist.“

Rätselhaftigkeit gehört zu den wichtigen Eigenschaften von Versen

Wenn es in Goethes „Mailied“ heißt: „So liebt die Lerche / Gesang und Luft / Und Morgenblumen / Den Himmels Duft“, dann geht es nicht um die Klärung der Frage, wie Morgenblumen lieben oder ob das Beschriebene dem Lieben des lyrischen Ichs ähnelt. Sondern es geht in allererster Linie um die sprachliche Fassung überschießender, irritierender Gefühle. Gedichte waren für den Germanisten Eibl insofern eine sprachliche Form, die Ränder unserer „kognitiven Nische“ zu bearbeiten.

Wir können zwar nicht erkennen, worauf die Angst vorm Einschlafen beruht. Auch nicht, was Liebe ist. Aber Verse machen dieses Nichtwissen erträglich, indem sie ihm eine Form geben. Genau darum gehört Rätselhaftigkeit zu ihren wichtigen Eigenschaften. Eibl zitiert eine „Zahme Xenie“ von Goethe: „Sage deutlicher, wie und wenn: / Du bist uns nicht immer klar. / Gute Leute, wisst ihr denn, / Ob ich’s mir selber war?“ Andersherum ausgedrückt: Wesen, die sich selber klar sind, spielen nicht.

Karl Eibl: „Von der Unwahrscheinlichkeit der Lyrik und warum es sie trotzdem gibt“, http://eibl.userweb.mwn.de/LyrikKP.pdf- Heinz Schlaffer: Geistersprache. Zweck und Mittel der Lyrik, München 2012.

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