Medizin

Glosse: Notfallverhütung: Die Pille aus der Notdienst-Apotheke

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In anderen Ländern ist die „Pille danach“ längst frei verkäuflich. Deutschland stemmt sich noch dagegen. Wie durchschlagend ist der Erfolg nach der Freigabe anderswo?

Gesundheitsminister Hermann Gröhe will Deutschland einfach nicht voranbringen, wir hinken achtzig Ländern hinterher in Sachen „Pille danach“. Erst im Februar stemmte er sich gegen die Freigabe von Levonorgestrel. Andernorts längst frei verkäuflich, besteht man hier auf Rezeptpflicht, rückständig, wie wir sind. Aber bald könnte uns die Europäische Arzneimittelbehörde Ema in Reih’ und Glied zwingen, erwägt sie doch, den Wirkstoff Ulipristalacetat – das Standardpräparat für Notfallverhütung in Europa – aus der Rezeptpflicht zu entlassen. Dann wäre auch das hiesige Zögern, das konkurrierende Mittel Levonorgestrol nicht freizugeben, sinnlos, denn: Die Ema toppt das antiquierte nationale Bedenkenträgertum.

Die Apotheker, gerade noch verschnupft, weil Gröhe die Verschreibung und damit auch die Beratung über die „Pille danach“ allein den Ärzten anvertraut wissen will, dürften Genugtuung empfinden. Bald muss „frau“ nicht mehr in überfüllten Wartezimmern oder gar einer Klinikambulanz auf das Notfallrezept warten. Der Apotheker ist gern zu Diensten, und er gewährleistet eine kompetente Beratung, ließ man von Seiten des Bundesverbandes der Apotheker verlauten. Ein Sieg für die Freiheit der sexuellen Selbstbestimmung der Frauen – werden die hinreichend bekannten Verteidiger derselben frohlocken. Schön wär’s. In England ist die „Pille danach“ schon lange rezeptfrei zu haben, aber das Land ist unrühmlicher Vorreiter in Europa, was die ungewollten Teenagerschwangerschaften angeht.

Enttäuschende Studien

Überm Teich sieht es nicht anders aus, unter den westlichen Industrienationen halten die Vereinigten Staaten den Rekord, was die Raten unerwünschter Schwangerschaften angeht. Auch dort kann man seit langem ohne Rezept die „Pille danach“ erstehen. Dass deren raschere Verfügbarkeit die Zahl der unerwünschten Schwangerschaften senkt, reklamieren die Befürworter der Freigabe stets gern, aber dass sollte sich jeder getrost abschminken: Einschlägige Studien endeten enttäuschend. Für eine erfolgreiche Verhütungsbilanz eines Landes braucht es halt ein wenig mehr als den Notdienst einer Apotheke. Verhütung versagt nicht deshalb, weil im Notfall keine „Pille danach“ sofort zur Hand ist, sondern weil es an Aufklärung mangelt. Womöglich müssen wir deshalb in Deutschland die „Pille danach“ auch nicht gleich in den Schulen verfügbar halten, wie das in Frankreich geschieht und wofür das Land gelobt wird. Abgesehen davon, dass Lehrer diese privateste Privatsphäre ihrer Schülerinnen rein gar nichts angeht, kann Frankreich mit dieser Maßnahme auch nicht überzeugend punkten: Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass zwei Drittel der unerwünschten Schwangerschaften bei Französinnen zustande kamen, während sie mit der Pille verhüteten. Da hilft auch kein Apotheker. Zugegeben, auch kein Arzt.